Kamillianer

zur Themenübersicht ] - Ansprache von Papst Franziskus - 'Kamillus Heute' Juni 2022


Nächstenliebe statt Resignation

Ansprache von Papst Franziskus am 16. Mai 2022 beim Empfang der Teilnehmer des Generalkapitels des Kamillianerordens im Vatikan

Liebe Brüder, guten Morgen und herzlich willkommen!

Ich freue mich, euch anlässlich eures Generalkapitels zu begegnen. Meinen herzlichen Gruß richte ich an jeden von euch, angefangen beim neuen Generaloberen, dem ich für seine Worte danke und dem ich alles Gute für seinen Dienst wünsche.

In den Mittelpunkt eurer Reflexion in diesen Tagen habt ihr das Thema gestellt: »Was ist heute die kamillianische Prophezeiung?« Beseelt von der Gnade, die einem Kapitel eigen ist – wenn es gut gelebt wird im Hören auf den Geist, auf eure Brüder und auf die Geschichte -, schlagt ihr vor, neue Wege der Evangelisierung zu gehen und in naher Zukunft neue Wege zu finden, um mit dynamischer Treue euer Charisma zu verwirklichen, das euch in den Dienst der Kranken stellt. Der heilige Kamillus von Lellis, verwandelt durch die Liebe Gottes, fühlte den Ruf, eine neue Ordensfamilie ins Leben zu rufen, die, indem sie das Mitgefühl und die Zärtlichkeit Jesu gegenüber dem Leiden an Leib und Geist nachahmte, das Gebot der Liebe leben würde, indem sie freudig die Verkündigung des Evangeliums verbreitete und sich um die Zerbrechlichsten kümmerte.

Unsere Zeit ist gezeichnet von einem Individualismus und einer Gleichgültigkeit, die Einsamkeit erzeugt und Verschwendung von vielen Leben verursacht: das ist unsere Kultur heute. Individualismus, Gleichgültigkeit, die Einsamkeit erzeugen und Verschwendung verursachen: die Kultur der Verschwendung.
Die christliche Antwort liegt nicht in der resignierten Beobachtung der Gegenwart oder im nostalgischen Bedauern der Vergangenheit, sondern in der Nächstenliebe, die, beseelt vom Vertrauen in die Vorsehung, ihre Zeit zu lieben weiß und mit Demut das Evangelium bezeugt.

Das ist es, was euer Gründer, der einer der Heiligen ist, die den Stil des barmherzigen Samariters, sich zum Nächsten des verwundeten Bruders auf der Straße macht, am besten verkörpert. In dieser Wahl des Lebens liegt der Wendepunkt, um aus den Schatten einer geschlossenen Welt hervorzutreten und eine offene Welt hervorzubringen (vgl. Enzyklika Alle Brüder, Kapitel 1-3). An Euch, Brüder, ist das Geschenk und die Aufgabe gegeben, von ihm inspiriert zu werden, die Realität des Leidens, der Krankheit und des Todes mit den Augen Jesu zu betrachten. Auf diese Weise werdet ihr die kamillianische Prophezeiung machen, eine fleischgewordene Prophezeiung, die uns drängt, die Lasten der anderen, die Wunden und Ängste der verletzlichsten Brüder und Schwestern auf euch zu nehmen. Dies erfordert eine fügsame Offenheit für den Heiligen Geist, der die Seele aller apostolischen Dynamik ist; und es erfordert ein gewisses Maß an Kühnheit, um gemeinsam unerforschte Wege zu entdecken und zu beschreiten oder das Potenzial des kamillianischen Charismas und Dienstes in neuen Formen zum Ausdruck zu bringen.

Dieser euer Stil des Lebens und des Apostolates, der sich besonders dem Dienst an den Kranken, den Schwachen und den alten Menschen widmet, scheint mir zwei wesentliche Dimensionen des christlichen Lebens gut miteinander zu verbinden: einerseits den Wunsch nach einem extrovertierten und konkreten Zeugnis für die anderen, andererseits die Notwendigkeit, sich selbst gemäß den Richtlinien der evangelischen Bescheidenheit zu verstehen.

Ich lade euch daher ein, immer wieder neu aus dem Reichtum der Seligpreisungen zu schöpfen, um mit Sanftmut und Einfachheit den Armen und den Geringsten von heute die gute Nachricht zu überbringen. Ich hoffe auch, dass ihr euch gegenseitig im Vertrauen darauf versichern werdet, dass das Gute, das einer leidenden Schwester oder einem leidenden Bruder gewährt wird, ein Geschenk ist, das Jesus selbst gegeben wurde, und dass das, was jeden Tag mit Freude gelebt und dargebracht wird, auch wenn es für die Augen der Welt unsichtbar ist, niemals verloren geht, sondern wie ein auf die Erde gefallener Same sprießt und Frucht bringt. Und versäumt es nicht, die Erinnerung an die erste Liebe zu bewahren, mit der Jesus euer Herz erobert hat, um eure Wahl des geweihten Lebens immer von den Wurzeln aus zu erneuern. Kehrt immer zu den Wurzeln der ersten Liebe zurück, denn da ist unsere religiöse Identität: der erste Dialog mit Jesus, der Ruf. Im Gefolge der schöpferischen Fürsorge des hl. Kamillus ermutige ich euch, mit dem Heiligen Geist zusammenzuarbeiten, um nach allen Wegen zu suchen, um sein Charisma der Barmherzigkeit zu leben, und dabei auch die Zusammenarbeit mit den Laien, insbesondere mit dem Gesundheitspersonal, auf die am besten geeignete Weise zu schätzen. Untereinander und mit allen die Spiritualität der Gemeinschaft zu kultivieren, wird euch helfen, besser zu erkennen, was der Herr von euch will. Sucht in Gemeinschaft den Willen des Herrn.

Liebe Brüder, ich möchte euch vor allem danken für das, was ihr seid und für das, was ihr in der Kirche tut. Wenn wir den Menschen ein gutes »Feldlazarett« bieten wollen, in dem die Verwundeten der Nähe und Zärtlichkeit Christi begegnen und sie spüren können, wenn wir das wollen, dann können wir nicht auf das Charisma des hl. Kamillus von Lellis verzichten. Es liegt an euch, Hände, Füße, Verstand und Herz diesem Geschenk Gottes zu geben, damit es weiterhin Gottes Werke in unserer Zeit, in der Zeit, in der wir unsere Berufung leben, inspirieren kann. Möge der Herr euer Kapitelwerk reichlich segnen und möge die Muttergottes euch immer auf eurem Weg begleiten. Und bitte, vergesst nicht, für mich zu beten. Vielen Dank!




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