Kamillianer
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"Gib mir hundert Hände, damit ich helfen kann"

Die Kamillianer im Kampf gegen die Armut im Nordosten Ungarns

Pater Anton Gots
Pater Anton Gots

Pater Anton Gots

Kamillianerpater Dr. Anton Gots kam im Jahr 1995 von Österreich aus in die ostungarische Stadt Nyíregyháza, um dort eine Niederlassung des Ordens zu gründen und wurde dabei mit einer für ihn bisher unbekannten Armut konfrontiert. Bei der internationalen Konferenz "Armut in Mittel- und Osteuropa" im November 2003 in Budapest berichtete er über seine Erfahrungen. Veranstalter waren die Kommission "Justitia et Pax" der Ungarischen Bischofskonferenz und die Konrad-Adenauer-Stiftung, Außenstelle Budapest.

Mein Beitrag ist ein Bericht über die selbst erfahrene Not bei den Armen in Ungarn. Oder auch so gesagt: Ich komme direkt von der "Front", wo der Kampf gegen die Armut konkret ausgetragen wird, vom "Schützengraben" - um bei militärischen Ausdrücken zu bleiben -, wo im "Einzelkampf", sozusagen unter vier Augen, darum gerauft und gerungen wird, die konkrete Not zu besiegen. Von diesem Ausgangspunkt her will ich erstens von der Rolle der Kirche im Kampf gegen die Armut sprechen und zweitens von dem besonderen Beitrag, den der Orden der Kamillianer dazu leistet.

Natürlich gibt es dabei Überschneidungen. Der Kampf der Kirche gegen die Armut konkretisiert sich wesentlich in Einsätzen, wie sie die Kamillianer leisten, aber auch andere kirchliche und soziale Aktionsgruppen. Und umgekehrt: Die Kamillianer verstehen ihre Aufgabe bewußt als Aufgabe und Arbeit der Kirche. Was ich also im zweiten Abschnitt sagen werde, versteht sich als eine der vielen konkreten Formen des Kampfes der Kirche gegen die Armut.

1. Die Rolle der Kirche im Kampf gegen die Armut

1.1 Kirche und soziales Engagement

Was unter "Kirche" zu verstehen ist, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Ich fasse kurz zusammen: Sie ist die hierarchisch strukturierte Gemeinschaft derer, die im Glauben an Gott, in Christi Wort und Sakrament geeint sind und den gemeinsamen Weg der Nachfolge Christi unter der Leitung des Petrusnachfolgers und der Nachfolger der Apostel gehen und das Evangelium Christi als Richtschnur ihres Lebens nehmen. In ihr wirkt der fortlebende Christus weiter, sie reicht bis zum letzten Mitglied der Gemeinschaft. In ihr findet der einzelne seine geistliche Heimat und seine Identität. Das hat Bedeutung auch im sozialen Bereich, von dem hier vorwiegend die Rede ist. Wenn ein einzelner Christ in seinem sozialen Engagement in irgendeiner Form gegen Armut und Not ankämpft, wirkt in ihm die Kirche als Ganze. Diese zugegebenermaßen unvollständige Umschreibung von Kirche soll in unserem Zusammenhang genügen.

1.2 Die vielen Gesichter der Armut

Im Sinne des Evangeliums und einer christlichen Anthropologie nimmt das Christentum den Menschen in seiner existentiellen Bedürftigkeit ernst. Die Kirche bleibt nicht bei seiner leiblichen Not stehen, auch wenn sie diese gewiß sehr ernst nimmt. Aber sie sieht auch die geistige, die gesellschaftliche, die soziale, die kulturelle, die existentielle, die seelische und die religiöse Not.

Die leibliche Not meint alle die leibliche Existenz betreffenden Entbehrungen, wie Mangel an Nahrung, Kleidung, Haushaltsgegenständen und an den einen angemessenen Lebensstandard garantierenden kulturellen Gütern. Zur leiblichen Not zählen auch Krankheiten, Behinderungen, Mangel an pflegerischer Betreuung, Therapien, Medikamenten ...

Geistige Not besteht in geistiger "Unterernährung" und Armut, in Sinnverlust und Daseinsunlust, im Glaubens- und Vertrauensmangel, in Schuld und Sünde, in übermäßigen Unfreiheiten und Abhängigkeiten (von Menschen, Systemen und Ideologien, Medikamenten, Drogen, Süchten).

Formen seelischer Not sind Ängste, Vereinsamung, Isolation, und vieles mehr. Soziale Not besteht in aufgezwungenem oder selbstverschuldetem Ausgeschlossensein, in Mangel an Kontaktfähigkeit, im Abgestempelt-Sein als rassische, völkische, religiöse Minderheit. Auf all diese Formen der Armut trifft die Kirche, trifft der Einzelchrist in ihrem/seinem seelsorglich-karitativ-sozialen Engagement.

1.3 Die Kirche und ihre "Option für die Armen"

Die Rolle der Kirche ist angesichts der Armut und Not in der Welt von ihrem Auftrag her eindeutig festgelegt. Christus, ihr Gründer, hat ihr aufgetragen, seine eigene Sendung fortzusetzen und sein Programm der Erlösung der Menschen unter allen Völkern aller Zeiten zu verwirklichen. In dieses Programm sind sein Kampf gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung, gegen Armut und Elend, seine "Wehe-Rufe" gegen die Reichen, die kein Herz haben, sein Stehen an der Seite der Notleidenden, der Entrechteten und Ausgestoßenen eingeschlossen. Er weiß sich zu den Armen gesandt (Lk 4,18). Die Diakonie, der Dienst an den Menschen, besonders an den Armen, gehört wesentlich zur Aufgabe und Sendung der Kirche. Gemäß Matthäus 25,31-46 hat er sich selbst mit den Hungernden, Dürstenden, Heimatlosen, Kranken und Nackten identifiziert und den Dienst an ihnen als ihm persönlich erwiesen qualifiziert.

Ihren Beitrag im Kampf gegen Not und Armut jeglicher Art leistet die Kirche seit ihrem Bestehen in vielgestaltiger Weise. Auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte war sie immer wieder versucht, irdischen Glanz und Reichtum anzuhäufen und die Armut des Evangeliums als Lebensform und als Prinzip der Arbeit im Reich Gottes sowie den Dienst an den Menschen zu verraten. Wir müssen demütig einbekennen, daß die Kirche als Ganze, daß viele kirchliche Institutionen wie Orden und andere kirchliche Gemeinschaften dieser Versuchung immer wieder weitgehend erlegen sind.

Indes, auch das gehört zu einer ehrlichen und objektiven Zeitdiagnose: In den letzten Jahrzehnten geht durch die Gesamtkirche und alle ihre Teilstrukturen eine glaubhafte "Option für die Armen" auf globaler Weltebene, aber auch auf nationaler und lokaler Ebene, und das nicht nur in Worten. Was in einzelnen Ländern unter kirchlicher Führung an weltumspannenden sozialen Aktionen zugunsten der Armen läuft, ist einfach gigantisch. Allein die Aktionen in Deutschland in den letzen zwanzig bis dreißig Jahren, wie "Misereor", "Adveniat", "Bruder in Not", "Caritas Internationalis", in Österreich die jährliche "Sternsinger-Aktion", der "Familienfasttag der katholischen Frauenbewegung", die Aktion "Nachbar in Not" sind unübersehbare Zeichen der Solidarisierung der Kirche mit den Armen und haben systemverwandelnde Auswirkungen gezeitigt.

1.4 Die Kirche in Ungarn

In den vergangenen fünf Jahrzehnten materiell selber arm geworden und auf diese Weise zur Solidarisierung mit den Armen gedrängt, ist die Kirche in Ungarn trotzdem nicht minder aktiv im Kampf gegen die Armut, entsprechend ihren Möglichkeiten. So sagte mir bereits 1983 der damalige "Caritas-Bischof" von Ungarn: "In den Jahren vor 1945, als die Kirche noch im Besitz von mehr als 160.000 Hektar Grund und Boden war, hat sie für die Armen weniger getan, als die Kirche des Jahres 1983."

Was die Kirche heute gegen die geistige Armut, gegen die soziale und materielle Armut tut, ist im Verhältnis zu ihren beschränkten Mitteln sehr beachtlich. Die seelsorglichen, kulturellen, die bildungsmäßigen, die sozial-karitativen Aktivitäten der Kirche sind bereits zu einem unentbehrlichen Beitrag zur Bekämpfung jedweder Armut geworden, den unbeachtet oder ohne Unterstützung zu lassen, sich keine Regierung leisten kann. Andernfalls würden noch mehr Menschen in diesem Lande in ihrem Elend bleiben oder geistig und materiell noch mehr aushungern.

Unentbehrlich ist die Arbeit im Sinne der Bewußtseinsbildung in der Bevölkerung, die der Kirche obliegt. Die geistige und religiöse Motivation des sozialen Verhaltens, eine Spiritualität nach den Grundsätzen des Evangeliums, die Heranbildung einer Generation, die einen neuen Geist wirken läßt, gehört zum Auftrag der Kirche. Sie garantiert die Fruchtbarkeit von Strategien, die die soziale Landschaft bleibend verändern. Diese Bewußtseinsbildung gehört zum prophetischen Auftrag der Kirche hier wie in jedem anderen Land. Sie muß den einfachen Staatsbürger genauso erreichen wie den Parlamentarier. Dabei muß sich die Kirche leiten lassen von der echten und überzeugenden Option für die Armen. In ihrem Sozialhirtenbrief haben die Bischöfe Ungarns diesen Auftrag in Worte gefaßt.

Im März 1992 hielt ich - als erster katholischer Priester überhaupt - einen ökumenischen Gottesdienst für die christlichen Abgeordneten im Parlament von Budapest. Dazu kam ich aus Österreich, wo ich damals noch wohnte und arbeitete. Das mir gestellte Thema für die Predigt lautete: "Der soziale Auftrag des Christen in der Politik für die Notleidenden, Kranken und Behinderten." Was ich damals sagte, ist nach wie vor aktuell: "Die Not und das Leiden in unserer Gesellschaft fordern uns heraus als Anverwandte, als Ärzte und Therapeuten, als Seelsorger und auch als Politiker. An irgendeiner Stelle haben wir alle unsere Rolle zu spielen und haben unseren unentbehrlichen Platz, damit leidende Menschen ihr Schicksal bewältigen können. Auf der gesetzgeberischen, institutionellen und therapeutischen Ebene ist eine Humanität zu verfolgen, die alle Leidenden erfaßt, die keinen am Rande zurückläßt und die die gesetzlichen Voraussetzungen schafft, daß Not und Leid verhindert, behoben oder, wenn unabwendbar, tragbar gemacht werden. Ganz gleich, an welcher Stelle wir in unserer Gesellschaft stehen, ich lade ein: Laßt uns jener Samariter sein, von dem das Evangelium berichtet."

Neben der geistigen Strategie gegen die Armut darf die Arbeit der verschiedenen kirchlichen Träger konkreter Sozialarbeit nicht unerwähnt bleiben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier aufgezählt:

Ein Faktum ist, was ehrlicherweise genannt werden muß, daß die Kirche Ungarns gerade in ihrer Sozialarbeit gegen ein sehr schlechtes "Image" in der Bevölkerung zu kämpfen hat. Die Kirche strotze vor Reichtum, lauten die Vorurteile, die Priester würden die Menschen "aussaugen", und die Armen seien ihnen egal. Diese Meinung im Volk erschwert ihre Aufgabe.

Die Kirche weiß sich unter dem Auftrag ihres Gründers. Es ist der Heilige Geist, der aus dem Schoß der Kirche selber immer wieder neue Impulse und neue Formen und Strategien im Kampf gegen die Armut für eine humane Welt nach dem Willen Gottes gibt.

Unter diesem Gesichtspunkt sei auch die relativ junge "Kamillianische Bewegung" in Ungarn genannt, die erst gut zehn Jahre im Land tätig ist: Laiengruppen, die sich in den Pfarren der Kranken und der Menschen mit Behinderung annehmen. 1991 von ungarischen Freunden eingeladen, brachte ich diese Idee von Österreich nach Ungarn.

2. Die Kamillianer im Dienst an den Armen

Die Kamillianer - offizieller Titel: "Orden der Diener der Kranken" - sind ein Orden der katholischen Kirche, den der heilige Kamillus von Lellis (1550-1614) im Jahre 1582 gegründet hat und der von der Kirche 1591 als Orden mit feierlichen Gelübden anerkannt wurde. Nach dem Beispiel seines Gründers liegt die besondere Aufgabe des Ordens in der Sorge um die leiblichen, seelischen und sozialen Nöte der Kranken und Leidenden und besteht konkret in den leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit. Kamillus verpflichtete sich und seine Mitbrüder zu diesem Dienst neben den drei Gelübden der Armut, des Gehorsams und der ehelosen Keuschheit durch Ablegung eines vierten Gelübdes: nämlich jedem Kranken zu dienen, selbst unter Einsatz des eigenen Lebens und der eigenen Gesundheit.

Der "Orden der Krankendiener", im Laufe der Jahrhunderte im Einsatz bei Epidemien wie Pest, Cholera, Typhus etc. oft bis zur Erschöpfung und bis zum Aussterben geraten, steht heute in einer offensichtlichen Blüte da. Mit seinen 1.100 Mitgliedern arbeitet er in 34 Ländern der Welt genau an den Krisenstellen in der individuellen Not der Menschen, aber auch an den nationalen und internationalen Brennpunkten der Not. Ein ganzes Drittel des Ordens wirkt in den sogenannten Entwicklungsländern. Die Mitglieder sind Seelsorger, Therapeuten, Psychologen, Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Ärzte und Fachleute und Manager im Gesundheitswesen. Der Orden hat auf der ganzen Welt 62 eigene Krankenhäuser, zahlreiche Altenheime, Behinderteneinrichtungen und Lepra-Dörfer. In Brasilien existiert für gesundheitspolitische und administrative Dienste eine eigene Universität mit 10.000 Hörern, in Rom ein Universitätsinstitut für die Ausbildung im Gesundheitswesen.

Im 19. und 20. Jahrhundert sind auch weibliche Zweige des Ordens entstanden, die von Frauen ins Leben gerufen wurden, denen Kamillianer bei der Gründung behilflich waren. Die kamillianischen Ordensschwestern stehen aus demselben Geist des heiligen Kamillus im Einsatz gegen die Not der Kranken und Leidenden. In Ungarn arbeiten seit 1998 die "Töchter des heiligen Kamillus".

Der jüngste Zweig am kamillianischen Stamm sind die sogenannten Kamillianischen Familien. Das sind Gruppen von zehn bis zwanzig Laien, Männern, Frauen, Erwachsenen, Jugendlichen und auch Kindern, die im Geist des heiligen Kamillus in ihren Pfarren, an der Seite ihrer Seelsorger für die Leidenden, Kranken und Armen tätig sind. Sie sind überall kirchlich anerkannt - in Ungarn auch als staatlich anerkannter Verein - und arbeiten in gut strukturierter und straff geführter Weise überall, wo Leidenden geholfen werden muß. Solche Familien gibt es heute in 22 Ländern der Welt, nachdem ich vor rund 20 Jahren von Österreich aus den Impuls gegeben, das Arbeits- und Ausbildungsprogramm vorgelegt und mit der konkreten Arbeit begonnen habe.

Im Jahr 1995 begann ich mit meiner seelsorglichen und sozial-karitativen Arbeit in der ostungarischen Stadt Nyíregyháza. Und vom ersten Tag an stellten sich notleidende Menschen ein. Zunächst wurden unserer Gemeinschaft die Seelsorge in den beiden Krankenhäusern und fünf Altenheimen der Stadt anvertraut. In der jungen Diözese Debrecen-Nyíregyháza wurden mir die Aufgaben eines Referenten für die Kranken-, Alten- und Behindertenpastoral übertragen. Unser Kloster wurde in kürzester Zeit zu einem sozial-karitativen Zentrum, an das viel Not herangetragen wurde und von dem vielfältige Hilfen in Stadt und Land hinausgingen. Ich schildere der Reihe nach, wie wir auf diese Not antworten.

2.1 Aufbau und Begleitung der Kamillianischen Familien

Schon vor meiner Übersiedlung nach Ungarn gründete ich in Ungarn von Österreich aus die ersten Kamillianischen Familien. Als ich 1995 dann selbst nach Ungarn übersiedelte, gab es hier bereits 22 "Familien". Heute haben wir in Ungarn rund 700 Laien-Mitarbeiter. An 27 Städten bzw. Ortschaften helfen sie in 28 Krankenhäusern, in 27 Altenheimen und mehreren Behinderteneinrichtungen. Auch zu Hause besuchen sie kranke, leidende und hilfsbedürftige Menschen. Sie bieten ihnen geistig-geistliche, soziale und pflegerische Hilfe an, bereiten wenn gewünscht den Besuch des Seelsorgers vor und helfen darüber hinaus - das ist die bisherige, vielfache Erfahrung - auf jedem weiteren Gebiet in der Pfarrgemeinde mit. Jene Mitglieder der Kamillianischen Familien, die beruflich im Krankendienst tätig sind - Ärzte, Pflegekräfte, Sozialarbeiter und andere -, tun ihre Arbeit bewußt im Geiste Christi und nach dem Beispiel des heiligen Kamillus.

Jährlich mehrere Mal bieten wir geistliche Aufbauzeiten an in Exerzitienkursen, Einkehrwochenenden und in der gemeinsamen alljährlichen Feier des Festes des Kamillus von Lellis. Jede Gruppe trifft sich einmal im Monat zu einem geistlichen und sozialen Programm. Jedes Mitglied leistet seine Dienste kostenlos und freiwillig.

Von Nyíregyháza aus bin ich auch in das benachbarte Ausland gegangen und habe für die ungarischsprachige Bevölkerung Rumäniens, der Ukraine, Jugoslawiens und der Slowakei Kamillianische Familien gegründet. In diesen vier Ländern und in Ungarn zusammen arbeiten heute insgesamt rund 1.100 Laien-Kamillianer.

Kamillus hat einmal im Gebet den Wunsch ausgesprochen: "Herr, gib mir hundert Hände und Arme, damit ich um so mehr deinen Armen und Kranken helfen kann!" Unser derzeitiger Generaloberer Frank Monks hat den ungarischen Laien-Kamillianern, die im gesamten Kamillianerorden ein hervorragendes Beispiel geben, zugerufen: "Ihr seid diese hundert Hände und Arme des heiligen Kamillus, mit denen er hier und heute den Armen und Leidenden hilft."

Das Prinzip des Kamillianerordens, überall durch seine Mitglieder zum Segen der Armen und Leidenden multiplizierend zu wirken, findet auch in den Kamillianischen Familien seine glückliche Verwirklichung - zum Segen für viele.

2.2. Hilfen aus dem Ausland

Kaum waren wir in Ungarn, kamen Mitglieder der Kamillianischen Familien unserer Stadt, damals 45 Personen, heute bereits 170 in sechs Gruppen, immer häufiger zu mir mit der Bitte: "Pater, die Armen flehen uns auch um materielle Güter an, um Wäsche, Schuhe, Möbel, selbst um Geld. Was sollen wir antworten?" In meiner Mittellosigkeit wandte ich mich an meine zahlreichen Freunde in Österreich: "Sammelt für unsere Armen, schickt Hilfstransporte!"

Seit 1996 erreichen uns aus Österreich derartige Hilfstransporte. An acht bis neun Stellen werden sie in Österreich für uns organisiert. Hilfsgüter wie Kleider, Wäsche, Schuhe, Lebensmittel, Hausratsgegenstände, Pflegebehelfe, Möbel werden gesammelt, sortiert, verpackt, verladen und in Lastwagen zu uns geschickt. Die Transportkosten übernehmen österreichische Wohltäter. Die Hilfsgüter gelangen offiziell über den Zoll in unser Kloster und werden von dort verteilt. Durchschnittlich erhalten wir jede Woche einen Großtransport. Heuer waren es bereits 51 Transporte, in den letzten zwei Jahren je 69 Transporte. Insgesamt haben uns in den letzten sechs bis sieben Jahren rund 400 Transporte mit 4.000 Tonnen Hilfsgütern erreicht. Bei der administrativen Bewältigung und Verteilung sind die Mitglieder der Kamillianischen Familien engagiert. Die Güter werden gegen eine Empfangsbestätigung weitergegeben, sodaß die Zollbehörden jederzeit Einblick nehmen können, was wir mit den zollfrei eingeführten Waren machen. Auf diese Weise können wir spürbar die Armut bekämpfen und Not lindern.

Ich sehe, erfahre und erleide persönlich immer wieder die oft himmelschreiende Not, die besonders im Nordosten des Landes grassiert. Ganz schlimm sind die Verhältnisse auf dem Land, wo nicht wenige Menschen noch immer unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen. So fragte mich die Leiterin unseres städtischen Altenheimes, ob sie denn von den bei ihr abgegebenen Kleidern auch ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geben dürfe. Sie seien so arm, daß sie sich nur einmal pro Tag eine Mahlzeit leisten könnten, die sie an ihrer Arbeitsstelle bekommen. Das war noch vor der gesetzlichen Einführung eines Mindestlohnes in Ungarn. Damals konnte die Leiterin den Putzfrauen nur eine monatliche Entlohnung von nicht einmal umgerechnet 80 Euro geben.

2.3 Direkthilfen an der Klosterpforte

Pater Anton Gots
Pater Anton Gots

Wenn ich von der konkrete Hilfe für die 120-130 Menschen spreche, die Woche für Woche an unserer Klosterpforte anklopfen, dann möchte ich auch auf die Schwachpunkte in der heutigen sozialen Landschaft Ungarns hinweisen, die nach dringender Abhilfe rufen.

a) Brot und Lebensmittel

Jede Woche verteilen wir Hunderte Kilo Brot und Lebensmittel. Am Sonnabend sind es 70 bis 80 Personen, die um Hilfebitten. Bei der Verteilung der Lebensmittel kommen oft auch alle anderen existentiellen Sorgen zur Sprache: Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Mangel an ausreichendem Einkommen, Krankheiten und Behinderungen, zerrüttete Ehe- und Familienverhältnisse, alleingelassene Mütter oder Väter mit drei oder mehr Kindern, denen der Ehepartner oder der Lebensgefährte davongelaufen ist oder die aus der gemeinsamen Wohnung geworfen worden sind ... Offenbar sind die Kamillianer für alle letzte Zufluchtsstätte. Selbst die Sozialämter schicken Hilfesuchende zu uns weiter. Die wenigen Auffang-Institutionen wie Obdachlosenhäuser, Frauenhäuser und Mutter-Kind-Heime sind zum Glück kooperativ. Auch sie werden von uns mit Kleidern und Lebensmitteln bedacht. In Ungarn gibt es noch immer große Lücken in der sozialen Versorgung der Bevölkerung: Knapp über 20 Prozent lebt unter dem Existenzminimum.

b) Medizinische Hilfen und Pflegebehelfe

Zu den Hilfesuchenden zählen auch zahlreiche Arme und Kranke, die die ärztlich verordneten Medikamente nicht bezahlen können. Wir übernehmen die Rezepte, lösen sie in den Apotheken ein und geben die Medikamente (und nicht das Geld dafür) weiter. Notwendige Pflegebehelfe oder wichtige medizinische Apparate wie Blutzucker- und Blutdruckmeßgeräte, Brillen, Hörgeräte, Verbandmaterial, Rollstühle, Gehhilfen, ja selbst Spezialkrankenbetten liegen dabei völlig außerhalb der finanziellen Möglichkeiten der Armen. Wir vermitteln solche Dinge aus dem Ausland - oder ich gehe zu meinen Freunden in Österreich um das Geld betteln. Die einzige Ärztin in unserem städtischen Altenheim (mit 380 Bewohnern) sagte mir: "Es ist vollkommen sinnlos, daß ich Medikamente verschreibe, die Heimbewohner können sie sich ohnehin nicht kaufen."

Irgend etwas stimmt da nicht in der sozialen Versorgung. Unzählige Male ist dieses landesweit bekannte Problem mir begegnet, das ich für ein wahres Krebsgeschwür halte und bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit anprangere: Leidgeprüfte Menschen, die vor einer Krankenhausbehandlung oder einer Operation stehen, bitten mich um Geld. Anfangs unerfahren, habe ich noch gefragt: Wofür und wozu? Die Antwort kenne ich nunmehr seit langem: für den Arzt, den Operateur, selbst die Krankenschwester, weil man sonst keinen Termin bekommt, lange warten muß oder auf der Pflegestation schlecht behandelt wird. Man nennt dieses Phänomen "Paraszolvencia" und weiß darum bis in die höchsten Stellen. Doch man duldet es, zum Leid der betroffenen Kranken, die oft unglaubliche materielle Opfer bringen, um einen Geldbetrag aufzutreiben. Kein Trost ist es, daß in den angrenzenden Nachbarländern die Korruption noch schlimmer ist.

c) Hilfen für Schülerinnen und Schüler

Jedes Jahr im Herbst vor Schulbeginn das gleiche Problem: Die Kosten für die Schulanfänger und für die übrigen schulpflichtigen Kinder, manchmal drei oder vier an der Zahl, sind in den meisten Fällen für die Familien unerschwinglich und führen zu katastrophalen Zuständen, besonders wenn die Mutter Alleinerzieherin beziehungsweise Alleinerhalterin ist. Keine offizielle Instanz fragt, womit die Ausgaben für die geforderten Bücher, Hefte und sonstigen Schulartikel, die Kleider, woher das Geld für den Wandertag, für kulturelle Programme, ja auch für die Schulausspeisung zu bestreiten sind, wenn das Kind nicht benachteiligt bleiben soll, weil es hier und dort nicht mitziehen, nicht mithalten, nicht teilnehmen kann und zurückbleibt. Seit Jahren vermitteln wir deshalb dank der Hilfe aus dem Ausland Schultaschen, Hefte, Schreibmaterial, Kinderkleider und -schuhe.

d) Hilfen für Heizung, Wasser und Strom

Auffallend oft kommen Notleidende mit unbeglichenen Rechnungen für Wasser, Strom (Licht), Gasheizung, für Wohnungsmiete und mit dem amtlichen Bescheid, daß die Zuleitungen dieser lebenserhaltenden Dinge abgeschaltet bleiben, solange nicht die Rechnungen bezahlt sind. Amtliche Ausweisungen werden zwar angedroht, aber nicht durchgeführt. Private Wohnungsgeber sind jedoch oft schonungslos hart und stellen mittellose Mieter auf die Straße, gleich zu welcher Jahreszeit. Alte, kranke, kränkliche Menschen leiden doppelt schwer in oft ungeheizten Haushalten, die bei Ausfall von Strom nicht einmal Öfen oder Herde zum Kochen haben. Wir helfen mit Herden und Öfen aus Österreich, mit Holz, das wir in Sägewerken kaufen und das ich oft selbst zu den Armen bringe - und in ganz krassen Fällen auch mit Geld, indem wir offene Rechnungen bezahlen.

e) Die Situation der Roma

Unweigerlich stößt man früher oder später auf das Problem der Minderheiten. So klopften sehr bald Roma in großer Zahl an unsere Klosterpforte, sehr zum Mißfallen der Nachbarn. In Nyíregyháza allein gibt es 12.000 Roma. Viele von ihnen leben in geschlossenen Siedlungen unter unwürdigsten Verhältnissen. Das sind ausgesprochene Slums. Neben dem materiellen Elend ist aber auch die geistige, kulturelle und gesellschaftlich-soziale Situation der Roma besorgniserregend. Nach meiner Beobachtung sind sie seit Generationen wirtschaftlich, geistig, kulturell und kirchlich-religiös vernachlässigt. In ganz Ungarn leben zwischen 700.000 und 900.000 Roma. Sie haben ihre eigene Kultur, ihre eigene Denkweise, ihre eigene Moral. Handlungsbedarf ist für alle Instanzen schon längst gegeben.

Die Arbeitslosigkeit der Roma liegt bei 80 Prozent und oft noch höher. Wenigstens bekommen sie in Ungarn das Kindergeld. In vielen Fällen sind auf diese Weise die Kinder die Geldbringer und Familienerhalter. Je mehr Kinder, desto höher das regelmäßige Familieneinkommen. Diese "Roma-Philosophie" ist zu verstehen. Was ich mit großer Bitterkeit feststellen muß: Sie sind in der Gesellschaft nicht geliebt und werden auf Distanz gehalten.

Das alles zu erleben, war für mich als Kamillianer, der aus dem "Westen" kam, ein Dauerschock. Ich mußte lernen, mit diesem Schock zu leben, lernen mit dem Phänomen zu leben, daß die Roma sich an uns wandten, an mich persönlich, und ich musste lernen zu sehen, wie sie leben und wie sie sind. Sie waren und sind eine tägliche Herausforderung an mich als katholischer Priester, für mich als Mitglied eines Ordens, der sich überall auf der Welt für die Armen, die Menschen am Rande der Gesellschaft, also auch für die Zigeuner entschieden und verpflichtet hat.

Wir sind zu ihnen aufgebrochen, sind in die Slums gefahren: mit Hunderten Tonnen an Hilfsgütern, mit Lebensmitteln - und schließlich mit geistigen und geistlichen Gütern. Wir bemühen uns, uns ihren Problemen zu stellen. Seit Jahren feiere ich am Sonntag in ihrer Mitte Eucharistie. Ich unterweise die, die kommen, im Glauben, sage ihnen, daß Gott sie liebt und auf ihre Gegenliebe wartet. Ich habe ein gutes Verhältnis zu ihnen, und wenn ich in der Siedlung auftauche, bin ich in kürzester Zeit von vielen umringt, Jungen und Alten. Es gibt dabei natürlich nicht nur gute Erfahrungen. Aber noch mehr schlechte Erfahrungen habe ich mit den Nicht-Zigeunern gemacht.

"Erfolge" im üblichen Sinn kann ich nicht aufweisen. Es braucht viel Geduld und Verständnis für den Weg ihrer Integration in die Gesamtgesellschaft - und in die Herzen des ungarischen Durchschnittsbürgers, auch für ihre Integration in die kirchliche Gemeinde. Papst Johannes Paul II. hat sich im Namen der katholischen Kirche beim Präsidenten der Roma offiziell dafür entschuldigt, daß die Kirche die Roma in der Vergangenheit seelsorglich und menschlich vernachlässigt hat. Zeichen einer - wenigstens kirchlichen - Morgenröte sind am Horizont erkennbar. Und die staatlichen Instanzen, die gesellschaftsbildenden Kräfte im Lande?

2.4 Unsere Seelsorge

Natürlich sind wir auch Seelsorger, verkünden die Frohbotschaft von der Liebe Gottes, von seinem Willen, daß es eine gerechte Welt geben möge, in der jeder Mensch menschenwürdig leben kann. Wir spenden die Sakramente, die Quellen seiner heilenden Gnade, feiern Eucharistie und geben Gottes verzeihende Liebe im Bußsakrament weiter. Wir sind als Seelsorger bereit für Beratung, Wegweisung und Trost, und in dieser Funktion wurden wir von Anfang an oft beansprucht. Wir halten Tage der Vertiefung und der geistlichen Einkehr, in denen besonders die sozial Engagierten zu Ruhe und Besinnung kommen und aus Gott neue Kraft schöpfen.

Derzeit gründen wir eine Gemeinschaft von kamillianischen Ärzten und im Krankendienst stehenden Berufstätigen, die ihren Beruf bewußt im Geiste Christi und selbstlos - ohne "Paraszolvencia" - ausüben wollen und dabei Kamillus von Lellis als zeitgemäßen Interpreten dieses christlichen Weges und geistlichen Begleiter wählen. Wir sind Berater von rund 51 Verbänden und Aktionsgruppen - kirchlichen und solchen der freien Wohlfahrtspflege - die sich um Arme und Notleidende bemühen, und bieten ihnen Rat, Verbindungen zum Ausland und aktive Unterstützung.

All diese Aktivitäten mögen nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Im konkreten Fall können wir aber doch spürbar helfen und viel Not lindern. Die Kirche ist durch die Kamillianer und durch viele andere kirchliche Organisationen im Kampf gegen Armut und Leid am Werk. So lebt und wirkt Gott in der Kirche weiter. Dahinter steht die Überzeugung, daß Gott uns begegnet in denen, die hungern und dürsten, die keine Kleidung haben und kein Dach über dem Kopf, keine Arbeit und keine Hoffnung - eine Herausforderung für jede barmherzige, das heißt von Herzen kommende Liebe.

"Die Schürze umbinden"

An der Innenseite meiner Schlafzimmertür habe ich einen Zettel angebracht. Auf ihm stehen drei Worte. Ich muß sie jeden Tag lesen, ob ich will oder nicht. Sie lauten: "Die Schürze umbinden."

Im Geiste Jesu heißt das für mich: "Diene heute den Armen!" Und ich weiß: Mit mir tun das auch Hunderte unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kamillianischen Familien. Hinter uns stehen die Kamillianischen Ordensfrauen und unsere Ordensbrüder. In diesem Sinn arbeiten die Malteser, die Mitglieder der Kolpingfamilie, der Caritas, die vielen Ordensleute in Ungarn und all die vielen, die in nachbarschaftlicher Hilfe unspektakulär, ungenannt, und oft unbedankt ihren Mitmenschen in Not beistehen. Wir alle tun das als lebendige Kirche Christi. Mit diesem Dienst und mit diesem Zeugnis appellieren wir an alle Verantwortlichen in Ungarn, nicht nur mit Worten, sondern in der Tat und Wahrheit die Armut zu beseitigen und alles zu tun, daß die Reichen nicht noch reicher, die Armen nicht noch ärmer und elender werden, daß Menschen, Kinder Gottes, Brüder und Schwestern in Christus, ein sinnvolles Leben in Würde, Selbstachtung und Freude über ihr Menschsein führen können.

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© Kamillianer 2006 - [Stand: 17.11.2008]css