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Ein Leben im Dienst
der Kranken und Armen

Kamillus von Lellis, Gründer des Ordens der Kamillianer

„Legt euer Herz in eure Hände!”
Kamillus von Lellis

 
Kamillus von Lellis (1550-1614)
Kamillus von Lellis (1550-1614)
 

Kamillus von Lellis ist einer der großen Caritas-Heiligen der Kirche. In Rom wird er als Patron der Stadt verehrt. Geboren wurde Kamillus am 25. Mai 1550 in Bucchianico in den italienischen Abruzzen. Nach einem bewegten und von Krankheit gezeichneten Leben gründete er 1586 den Orden der "Diener der Kranken", genannt Kamillianer, der heute allein in seinem männlichen Zweig weltweit über tausend Mitglieder zählt. Am 14. Juli 1614 starb Kamillus in Rom. Der 1746 von Papst Benedikt XIV. heiliggesprochene Ordensgründer wird 1886 zum "Patron aller Kranken und Krankenhäuser in der Welt" und 1930 zum "Schutzpatron des Krankenhauspersonals" ernannt. Sein Lebenswerk bezeichnete Papst Benedikt als "eine neue Schule der Liebe".

1. Jugend und Bekehrung

Kamillus hat ein sehr bewegtes Leben. Sein Vater Johannes von Lellis ist ein Adeliger, Bürgermeister der kleinen Stadt Bucchianico bei Chieti und von Beruf Soldat. Fast überall, wo es im damaligen Italien um Krieg geht, ist er dabei. Die Mutter, Camilla Compelli, ist eine fromme Frau. Das erste Kind stirbt sehr früh. Bei der Geburt des zweiten Kindes, Kamillus, ist sie schon fast sechzig Jahre alt. Sie ist es, die für die religiöse Erziehung des Kindes sorgt. Die Schulausbildung bleibt eher dürftig. Kamillus hat ein sehr gutes Gedächtnis. Doch gerät er mehr unter den Einfluß seiner Kameraden und wird ein begeisterter Karten- und Würfelspieler.

Mit 13 Jahren, 1563, verliert Kamillus seine Mutter. Dem Vater genügt es, wenn sein Sohn ein tüchtiger Soldat wird. Kamillus begeistert sich an seinen Kriegserzählungen - und zieht mit achtzehn Jahren zusammen mit ihm in venezianischen Diensten in den Krieg gegen die Türken. 1567, auf dem Weg nach Ancona, wo sie das Schiff besteigen wollten, stirbt der Vater. Kamillus wird krank. Er bekommt Fieber, und oberhalb des linken Fußgelenks bildet sich eine eitrige Wunde. Kamillus bleibt nichts anderes übrig, als seine Pläne aufzugeben.

Um seine Wunde heilen zu lassen, geht Kamillus ins St.-Jakobs-Spital nach Rom. Seinen Unterhalt verdient er als Krankenpfleger. Wegen seiner Überheblichkeit kommt es mit den Angestellten immer wieder zu Auseinandersetzungen. Lieber spielt er Karten, statt sich um die Kranken zu kümmern. So wird Kamillus bald wieder hinausgeworfen.

 
Das rote Kamillianerkreuz über dem Geburtshaus des Kamillus in Bucchinanico
Das rote Kamillianerkreuz über dem Geburtshaus des Kamillus in Bucchinanico
 

Eine Soldatenkarriere

Als er schließlich entlassen wird, zieht er wieder in den Krieg. Ende 1569 werden wieder Soldaten für den Krieg gegen die Türken angeworben. Kamillus kommt zu der Einheit, die 1571 bei der berühmten Seeschlacht von Lepanto den Türken eine entscheidende Niederlage zufügt.

1573 tritt Kamillus in eine spanische Truppe ein und kämpft in Dalmatien und in Tunesien. Kaum ist er zurück in Italien, erobern die Türken erneut die Stadt. Kamillus läßt sich wieder anwerben, seine Einheit kommt aber zu spät und kehrt um, als das Unternehmen aussichtslos erscheint.

Im Oktober 1574 schließlich endet für Kamillus die Soldatenlaufbahn in einem fürchterlichen Seesturm. Wie durch ein Wunder erreichen die Soldaten das Land und werden dort entlassen. Eine Zeitlang schlägt er sich mit einigen Spielern durch. Bei der Rückreise nach Italien verliert er in Palermo beim Kartenspiel sein letztes Geld. In Neapel versetzt er seine Kleider und seine Soldatenausrüstung. Um zu überleben, muß er betteln gehen.

Ziel- und orientierungslos

So kommt er mit einem Freund nach Manfredonia. Dort stellt er sich Ende November 1574 an die Kirchentür und bettelt. Der gesunde, große und starke Kamillus fällt einem Mann auf, der gerade Arbeiter für den Bau des Kapuzinerklosters sucht. Er bietet Kamillus Arbeit an. Kamillus muß lange mit sich ringen, bis er zusagt. Als Hilfsarbeiter transportiert er mit zwei Eseln Wasser, Steine und Kalk. Ein solches Leben ist ihm neu und fällt ihm schwer. Bereits nach 14 Tagen verliert er die Nerven und kündigt. Auf das liebevolle Zureden der Kapuziner beruhigt er sich aber wieder und bleibt bei dieser Arbeit - ein wichtiger Sieg in seinem Leben.

Bekehrung und Klostereintritt

Am 1. Februar 1575 bekommt Kamillus den Auftrag, von dem zwölf Meilen entfernten Kloster San Giovanni Rotondo eine Ladung Wein zu holen. Am Vorabend des Festes Mariä Lichtmeß kommt zu einem Gespräch mit dem Guardian des Klosters, Pater Angelo, das auf Kamillus einen tiefen Eindruck macht. Auf der Heimreise trifft ihn dann die Gnade Gottes. Mit überwältigender Klarheit erkennt Kamillus seinen Zustand. Er fällt zu Boden und betet immer wieder: "Warum habe ich meinen Herrn nicht eher erkannt? Warum war ich so taub gegenüber seinem Ruf?" 25 Jahre seines Lebens hatte Kamillus durch Herumstreunen vergeudet. Jetzt will er sein Leben ändern ...

 
Das St. Jakobs-Spital in Rom

Das St. Jakobs-Spital in Rom
 

Kamillus erinnert sich an sein früheres Versprechen, ins Kloster zu gehen, und tritt bei den Kapuzinern ein. Im Beten und Fasten ist er übereifrig, so daß er bisweilen gebremst werden muß. Bald erhält er das Ordenskleid. Doch durch das unaufhörliche Scheuern der rauhen Kutte bricht die Fußwunde erneut auf. Kamillus wird entlassen und geht zur Heilung wieder nach Rom. Dort bleibt er vier Jahre und arbeitet wieder im Krankenhaus St. Jakobus. Diesmal hält er durch, und als die Wunde bereits sieben Monate wieder vernarbt ist, kehrt er ins Kloster zurück.

Erneut nimmt man ihn auf. Kamillus beginnt das Noviziat. Doch nach vier Monaten bricht die Wunde wiederum auf. Kamillus wird 1579 endgültig aus dem Orden entlassen. Die Fußwunde wird zu seinem Schicksal: In dieser unveränderlichen Wirklichkeit sieht er eine Fügung Gottes und erkennt, daß er auf die Seite der Kranken gehört: "Der Herr will mich hier, im Dienst an diesen armen Kranken." Kamillus beschließt, ins St. Jakobs-Spital zurückzukehren und sich ganz dem Krankendienst zu widmen. Als er 1580 zum Spitalverwalter ernannt wird, geht er mit glühendem Eifer daran, seinen Einfluß im Krankenhaus geltend zu machen. Zur Seite steht ihm dabei als geistlicher Begleiter der hl. Philipp Neri.

2. Reformator und Ordensgründer

Reformversuche im Krankenhaus

Der Krankendienst war in dieser Zeit äußerst mangelhaft. Papst Sixtus V. spricht von "vielen Unzuträglichkeiten, ja Gefahren, denen die Kranken aus Mangel an geeigneten Pflegern ausgesetzt sind". Es gab kein Spitalwesen im heutigen Sinn. Die Reichen ließen sich zu Hause pflegen. Ins Krankenhaus kamen nur die Armen. Auch gab es kaum eine Ausbildung für das Pflegepersonal. Kamillus muß es erleben, wie die Krankenpfleger ihren Dienst vernachlässigen. Er schmerzt ihn, daß sie den Kranken so ungern die Betten machen oder das Essen geben oder so träge herbeikommen, wenn sie gerufen werden.

Unermüdlich versucht Kamillus, den Pflegern eine bessere Arbeitsmoral beizubringen. Bei seiner wöchentlichen Ansprache redet er so überzeugend und eindringlich, daß er weitgehend auch Erfolg hat. Dabei scheut er keine Mühe, seine Anweisungen auch zu überwachen. Manchmal durchwacht er die ganze Nacht oder verbirgt sich zwischen den Betten, um zu beobachten, ob die Pfleger auch gleich zur Stelle sind, wenn sie gerufen werden, und den Kranken entsprechend helfen. Wer seinen Verpflichtungen nicht nachkommt und die Kranken vernachlässigt, wird entlassen. Doch trotz aller Anstrengungen kann Kamillus die Mißstände im Krankenhaus nicht überwinden. Das läßt ihm keine Ruhe.

Da kommt ihm am Vorabend des Festes Maria Himmelfahrt 1582 die Eingebung, eine Gesellschaft von gleichgesinnten Männern zu gründen, die aus religiösen Motiven den Kranken in liebevoller Hingabe dienen. Unter Beten und Fasten erwägt er diesen Gedanken vor Gott und bespricht sich mit fünf guten Mitarbeitern. Sie sind von seiner Idee begeistert und wollen sich ihm anschließen. Im Krankenhaus richten sie ein "Oratorium", einen Gebetsraum ein, wo sie sich regelmäßig treffen und miteinander beten. Hier finden sie die Kraftquelle und Begeisterung für ihren gemeinsamen Dienst an den Kranken.

Schwierigkeiten und Verdächtigungen

Bald fällt auf, daß diese Männer in ihrem Benehmen und Arbeiten anders sind als die anderen. Das weckt Neid und Eifersucht. Kamillus wird bei der Verwaltung angezeigt, er strebe mit seinen Vertrauten nach der Leitung des Krankenhauses. Die Krankenhausleitung nimmt den Raum weg und verbietet die Zusammenkünfte. Kamillus will schon aufgeben. Er betet vor dem Kreuz, das man aus dem Gebetsraum in sein Zimmer gebracht hat, und meint, das heilige Haupt sich bewegen und ihn trösten zu sehen. Ein paar Tage später hat er dieselbe Vision, wobei Christus die Arme vom Kreuz löst und ihm die gleichen trostreichen Worte sagt. Kamillus schöpft neuen Mut und findet schließlich für seine Gemeinschaft eine Wohnung in der Nähe des Krankenhauses. Von dort aus gehen sie nun ins Krankenhaus und machen ihren Dienst weiter.

Kamillus ist mehr und mehr von Gott erfüllt und sucht seinen Willen zu tun. Er betet viel und regt auch die anderen zum Beten an. Im Gebet und im Krankendienst wächst die Gruppe immer stärker zusammen. Den Dienst an den Kranken erkennt er als seine besondere von Gott gegebene Berufung und Aufgabe. Seine radikale Hingabe und klare Haltung besitzen eine große Ausstrahlungskraft.

 
Das Heilig-Geist-Spital in Rom

Das Heilig-Geist-Spital in Rom
 

So kann er immer mehr Männer für seine Idee, Gott in den Kranken zu dienen, begeistern. Das beispielhafte Arbeitsethos seiner Gefährten, ihr starkes Zusammen-gehörigkeitsgefühl und ihr brennendes Verlangen, den Kranken und Armen wirksam und immer zu helfen, bilden die Wurzel für das rasche Wachstum der jungen Gemeinschaft. Um weitere Konflikte mit der Krankenhausleitung zu vermeiden, verläßt die Gemeinschaft das Spital St. Jakob und wechselt in das Heilig-Geist-Spital am Tiberufer.

Krankenpfleger und Priester

Immer wichtiger werden für Kamillus auch die seelischen und religiösen Bedürfnisse der Kranken. Mit Sorge beobachtet er, wie die Priester den Kranken zwar die Sakramente spenden, dann aber die Kranken und Sterbenden in ihrem Leid allein lassen. Kamillus kritisiert das mit scharfen Worten und bezeichnet es "als Schande für das Christentum". Da kommt ihm der Gedanke, selber zu studieren, um Priester zu werden. Im Alter von 32 Jahren setzt er sich auf die Schulbank und lernt mit der Energie eines Mannes, der sich von Gott berufen fühlt und weiß, wofür er Priester werden will.

Zu seiner großen Freude kann Kamillus nach intensivem Studium am 26. Mai 1584 die Priesterweihe empfangen. Die Verwaltung des Krankenhauses ist sehr stolz darauf, daß ihr Spitalsmeister Priester geworden ist, und stellt ihm die nahe gelegene Anstaltskirche "Madonna dei Miracoli" zur Verfügung. Dorthin zieht Kamillus mit seinen engsten Mitarbeitern, um ein besseres Gemeinschaftsleben pflegen zu können. Hier beten und leben sie miteinander, von hier aus machen sie regelmäßig ihren Krankendienst. Und doch ist das nur eine Übergangslösung.

Es braucht eine Ordensgemeinschaft!

Kamillus geht es nicht nur um ein gut funktionierendes Arbeitsteam. Sein Ideal ist eine Ordensgemeinschaft. Ein konkreter Anlaß drängt dazu. Kamillus wird gebeten, in Bologna ein Haus zu gründen. Mit einigen Mitarbeitern zieht er dorthin, um die Kranken zu pflegen. Die Gründung des Hauses scheitert, aber nicht aus materiellen Gründen, sondern aus Mangel an einer ausreichenden Zahl von Priestern. Für die Priesterweihe mußte nämlich die materielle Versorgung gesichert sein, entweder durch die Zugehörigkeit zu einer Diözese oder zu einer Ordensgemeinschaft.

Hätte Kamillus eine Ordensgemeinschaft, könnten die Priester auch auf den Titel dieser Gemeinschaft geweiht werden. Der einfachste Weg zur Lösung dieses Problems scheint ihm die Erhebung der Genossenschaft zu einem Orden. Kamillus behandelt diese Fragen gründlich und energisch. Es gibt auch Gründe gegen die Rechtsform einer Ordensgemeinschaft. Die Genossenschaft braucht im Dienst an den Kranken eine große Beweglichkeit, um den ursprünglichen Geist lebendig zu erhalten. Auch könnte man sich von Untauglichen oder Unwürdigen leichter trennen, wenn sie nicht durch Ordensgelübde gebunden sind.

Andererseits garantieren Gelübde eher die Hingabe an Gott und an den Krankendienst, besonders bei ansteckenden Krankheiten und bei Sterbenden. Ein bloßes Versprechen gibt möglicherweise zu wenig Kraft in einer solch schwierigen Arbeit. Der wichtigste praktische Grund aber, der für die Gründung eines Ordens mit feierlichen Gelübden spricht, ist die Sicherheit, daß dadurch ein größerer Eifer in der Hingabe an Gott und die Mitmenschen zu erwarten und die Möglichkeit gegeben wäre, Priester weihen zu lassen.

Nach der Wahl von Papst Sixtus V. bemüht sich Kamillus um kirchliche Approbation der kleinen Gruppe. Tatsächlich, 1586 erhält die "Gesellschaft der Diener der Kranken" vom Papst die kirchliche Anerkennung als Kongregation. Er gibt die Erlaubnis, ein rotes Kreuz auf der Kleidung zu tragen. Nach mühevollen Vorbereitungen hat Kamillus damit für seine Gemeinschaft eine festere religiöse Bindung erreicht.

3. Im Dienst der armen Kranken

1590 kommt die erste Bewährungsprobe. Auf dem Quirinal in Rom bricht eine heftige, bösartige Krankheit aus, vermutlich Malaria. Fast alle werden infiziert; sehr viele sterben. Kamillus ist mit seinen Mitbrüdern sofort zur Stelle. Sie betreuen die Schwerkranken und Sterbenden. Überhaupt wird von Kamillus die Betreuung der Kranken organisiert.

 
Kamillus verteilt Brot an die Armen (Ölgemälde)

Kamillus verteilt bei einer Hungersnot Brot an die Armen
(Ölgemälde von Adnrea del Pozo)
 

Das kurz zuvor von einigen Kardinälen erhaltene Geld verwendet Kamillus für den Kauf eines Esels. Mit ihm bringt er zweimal am Tag vom Kloster den Kranken zu essen. Meist ist Kamillus selbst dabei, verteilt Brot und Wein, verschiedene Arten von nahrhafter Suppe, Eier und Fleisch, Mandeln und Rosinen und was er jeweils noch auftreiben kann.

Kamillus beläßt es nicht bei der Stärkung der Kranken. Er besorgt für sie einen Arzt und die notwendige Medizin. Auch die kleinen Dienste nimmt er ernst: Betten machen, Geschirr waschen und Zimmer reinigen. Kardinal Nikolaus Sfondrato, der spätere Papst Gregor XIV., hört davon, besucht Kamillus und sieht, wie er voll Verständnis und Liebe den Kranken und Armen hilft. Er ist davon so begeistert, daß er eine größere Summe Geldes zur Verfügung stellt und dazu noch monatlich einen Betrag in das Kloster schicken läßt.

Als in Rom eine große Hungersnot auftritt, kommen 60.000 Menschen vor Hunger und Kälte um. Kamillus läßt im Kloster täglich einen großen Kessel Suppe kochen und versammelt im Hof alle Bettler, die er nur finden kann. Manchmal sind es mehr als 400. Zuerst beten sie gemeinsam das Vaterunser, dann verteilt Kamillus die Suppe und gibt je nach Vorrat Brot und Wein dazu. Am Schluß hält er eine Ansprache. Die Ärmsten behält er zurück und versorgt sie zusätzlich mit Nahrung und Kleidung.

Der Winter 1590 ist überaus kalt. Um sich vor der Winterkälte zu schützen und am Pferdemist zu wärmen, suchen die Armen und Kranken Zuflucht in den Ställen und Ruinen Roms. Als Kamillus davon hört, macht er sich auf den Weg. Findet er jemanden, reinigt er ihn vom Schmutz und gibt ihm zu essen. Kamillus sammelt Geld und kauft Kopfbedeckungen, Schuhe und Leinwand, aus der Kleider angefertigt werden. Diese verteilt er dann unter die Bedürftigen und Armen. In einem Stall bei der Porta del Popolo findet er einmal gleich acht halbverhungerte Kranke, die er ins Krankenhaus mitnimmt. Unterwegs bricht einer zusammen. Da gerade Edelleute mit einer Kutsche vorbeifahren, bittet er sie so inständig und überzeugend um Hilfe, daß diese ihm Kutsche und Pferd überlassen - ein bescheidener Anfang einer Unfallambulanz.

Der Papst unterstützt die Kamillianer

Jetzt bricht in Rom auch noch die Pest aus. Im Auftrag des Papstes läßt Kamillus einen Getreidespeicher kurzfristig als Lazarett einrichten. Kamillus selbst übernimmt zwei Monate lang die Pflege und geistliche Betreuung der Kranken. In den Augen der Reichen gelten diese Kranken als Abschaum des Volkes. Kamillus betrachtet sie als seine Brüder und Schwestern. Er läßt ihnen die besten Arzneien geben und ausgesuchte Speisen vorsetzen. Dafür wendet er viel Geld auf, das der Papst und die römische Bürgerschaft gespendet haben. Da Getreidemangel herrscht, sieht sich Kamillus gezwungen, bei allen möglichen Stellen Getreide zu organisieren. In der Not läßt er sogar den letzten Sack Mehl aus dem Kloster holen und ins Krankenhaus bringen. Er weiß, daß der einzige Reichtum seiner Genossenschaft die Armut und das Vertrauen auf Gott sind. Obwohl sie keine festen Einkünfte haben, leiden seine Mitbrüder niemals Mangel. Immer finden sie Menschen, die Zeugen der außerordentlichen Liebe der Gruppe um Kamillus sind und deshalb für sie und ihre Kranken etwas spenden.

1591 geht Kamillus mit acht Ordensleuten in das Spital von San Sisto. In wenigen Tagen sterben über 3.000 Menschen an einer Seuche. Kamillus steht mit seinen Leuten im ununterbrochenen Einsatz, so daß schließlich fünf von ihnen die Strapazen nicht aushalten und sterben.

Mit der Bulle "Illius qui pro gregis" erhebt Papst Gregor XIV. (1590-1591) die Kongregation am 21. September 1591 zu einem religiösen Orden. Diese Urkunde wird zur Magna Charta des "Ordens der Regularkleriker Diener der Kranken", wie die offizielle Bezeichnung nun lautet. Am 8. Dezember 1591, dem Festtag der Unbefleckt empfangenen Gottesmutter, legen 25 Ordensleute die feierlichen Gelübde der Armut, der Jungfräulichkeit und des Gehorsams ab, erweitert um ein viertes Gelübde: den Kranken zu dienen, selbst den Pestkranken, auch unter Einsatz des Lebens.

Die "Maddalena" wird Mutterhaus des Ordens

 
Die "Maddalena", Mutterhaus und Sitz der Ordensleitung in Rom

Die "Maddalena", Mutterhaus und
Sitz der Ordensleitung in Rom
 

Lange Zeit sucht Kamillus nach einem geeigneten Haus und einer Kirche als Heimat und Ausgangsbasis für den Krankendienst. Dabei entdeckt er die "Maddalena". Die der hl. Maria Magdalena geweihte schöne Rokoko-Kirche nahe dem römischen "Pantheon" steht zum Verkauf. Seine Gönnerin, die Fürstin Felice Colonna, hilft mit einer großen Spende. Auch Papst Gregor XIV. stiftet eine bedeutende Summe und macht die Gemeinschaft schuldenfrei. Bis heute ist die "Maddalena" in Rom das Mutterhaus des Ordens.

Hat Kamillus bereits 1588 in Neapel eine Niederlassung des Ordens gegründet, so entstehen jetzt laufend weitere Gründungen: 1594 in Mailand und in Genua, 1596 in Bologna, 1599 in Florenz, Ferrara und Messina und 1600 in Palermo. Die Kamillianer haben sich einen Namen gemacht, und viele Menschen treten der Gemeinschaft bei. Kamillus sieht darin den Willen Gottes, in möglichst vielen Städten den Krankendienst zu übernehmen. Kurzerhand mietet er einfach Häuser, auch wenn er kein Geld hat. Sein Gottvertrauen wird immer belohnt. Sehr bald finden die Mitbrüder Wege, die Schulden zu bezahlen. Viel wichtiger ist ihm, daß in diesen Städten der Sterbebeistand gesichert ist und der Krankendienst in größerem Stil organisiert wird. So breitet sich der Orden stark aus und zieht immer mehr Mitglieder an.

1595 schickt der Papst italienische Truppen nach Ungarn zum Kampf gegen die Türken. Er bittet um einige Kamillianer für den Beistand an den kranken und sterbenden Soldaten. Kamillus sendet acht Mitbrüder und fährt selbst bis Trient mit. Als alter Soldat unterrichtet er sie, wie man mit Soldaten umgeht und mit Ketzern und Streitsüchtigen fertig wird. Er gibt sogar schriftliche Anweisungen. Schon lange bevor das "Rote Kreuz" als weltweite Organisation wirksam wird, sind Kamillianer an ihren roten Kreuzen als friedliche Helfer an der Front erkenntlich. Die acht Kamillianer kommen bis nach Komorn, Preßburg und Wien. Ein Bruder erliegt seinen Anstrengungen und wird in der Nähe von Preßburg begraben. Solche Einsätze im Krieg werden später wiederholt.

Der Papst ruft die Kamillianer

1596 bricht in Rom Typhus (Fleckfieber) aus. Der Papst ordnet an, daß jeder Kardinal für die Kranken in dem Bezirk seiner Titularkirche Sorge tragen soll. Er selber ruft Kamillus, der allgemein "Vater der Armen" genannt wird, und betraut ihn mit der Leitung und Pflege im Bereich seines Sommersitzes. Kamillus nimmt zehn Ordensleute mit und organisiert den Krankendienst. Zwei Mitbrüder haben die Verantwortung, den Arzt zu begleiten, ihm zu helfen, Verordnungen aufzuschreiben und durchzuführen und über die Situation zu berichten. Zwei sind zuständig für den Sterbebeistand. Die anderen richten eine zentral gelegene Küche ein, organisieren die Essensverteilung und sorgen sich um die konkreten Nöte der Kranken. Der Papst und die gesamte Bevölkerung sind über die Organisation des Krankendienstes überaus erfreut. Kein Kamillianer wird krank. Kamillus ist überzeugt, daß Gott sie gesund erhält, damit sie sich mit noch mehr Kraft und noch größerem Eifer dem Beistand der Kranken widmen können. Vielleicht ist es gerade dieses starke Sendungsbewußtsein, das in den einzelnen die Widerstandskräfte weckt, so daß sie tatsächlich gegen Ansteckung immun sind.

Bricht irgendwo eine ansteckende Seuche aus, Tyhpus, Malaria oder Pest, ruft man die Kamillianer. Ihnen kommt die große Erfahrung zugute, die Spezialausbildung sowie das persönliche Engagement aufgrund des vierten Gelübdes. Gerade tagt das zweite Generalkapitel des Ordens, als in Piemont die Pest ausbricht. Mit 15 Mann will Kamillus zu den Pestkranken gehen. Politische Unruhen aber verhindern den Einsatz. Da bricht im Sommer des Jahres 1600 in der Bischofsstadt Nola bei Neapel die Pest aus. Wer gesund ist und fliehen kann, geht in die Berge. Zurück bleiben die Kranken und Sterbenden. Sieben Kamillianer gehen in das Katastrophengebiet. Tag und Nacht sind sie im Einsatz. Sie durchkämmen die ganze Stadt, gehen von Haus zu Haus, organisieren die Hilfsdienste, mobilisieren vorhandene Kräfte, pflegen die Kranken, beerdigen die Toten. Kamillus erfährt nach einer längeren Seereise davon und eilt sofort zu seinen Mitbrüdern. Ihm werden alle Vollmachten des Bischofs und seines Generalvikars übertragen sowie die vorhandenen Geldreserven übergeben, um ja alles zur Überwindung der Pest zu tun. Infolge der übermenschlichen Anstrengungen werden alle sieben Kamillianer krank. Kamillus pflegt sie mit Liebe und Hingabe und sendet acht weitere Ordensmänner. Fünf von ihnen sterben als Märtyrer der Nächstenliebe.

4. Alter und Tod des Kamillus

Im Jahr 1607 gibt Kamillus nach über 22 Jahren die Leitung des Ordens ab. Mit großem Eifer widmet er sich nun ganz dem Krankendienst. Wohin er auch versetzt wird, stets will er im Krankenhaus wohnen oder für den Sterbebeistand in den Privathäusern eingeteilt werden. Er wehrt sich gegen jede Schonung durch die eigenen Oberen. Ständig ist er damit beschäftigt, den Kranken Erleichterung zu bringen. Beim Krankenhausverwalter wird er vorstellig, sobald es an Bettüchern und Krankenwäsche fehlt oder wenn das Essen schlecht ist. Vorwürfe wie, er sei "unausstehlich" und "mit nichts zufrieden", erträgt er, wenn er damit nur den Kranken helfen kann.

 
Der letzte Brief des Kamillus, neun Tage vor seinem Tod geschrieben

Der letzte Brief des Kamillus,
neun Tage vor seinem Tod geschrieben
 

Was Kamillus Jahre hindurch als Generaloberer des Ordens getan hat, setzt er auch jetzt fort: ihm geht es um die religiöse Haltung seiner Mitbrüder. Die Spiritualität muß sich in der Arbeit zeigen. Er will keine Trennung zwischen Priestern und Brüdern, zwischen Seelsorge und Krankenpflege, zwischen "höherer" und "niederer" Arbeit. Selbst lebt er den Mitbrüdern vor, wie man beides miteinander verbinden kann.

Kamillus setzt auch Seelsorgshelfer ein. Wo er den vollen Krankendienst in einem Spital übernimmt, da bestimmt er generell die Priester für den seelsorglichen Beistand der Kranken und die Brüder als Krankenpfleger. Daneben müssen aber je zwei Brüder als "geistliche Krankenpfleger" arbeiten, deren Hauptaufgabe es ist, die Kranken auf den Empfang der Sakramente vorzubereiten und mit ihnen über ihre religiösen Fragen zu reden. Ferner haben sie die Aufgabe, auf die Festtage hinzuweisen und die Kranken für den Besuch oder das Anhören der heiligen Messe vorzubereiten. Weiters sollen sie auf die allgemeine Kommunion im Krankensaal hinweisen, den Kranken den Termin bekanntgeben und sie auf die Beichte vorbereiten. Am Tag vor der allgemeinen Kommunion sollen sie noch einmal mit den Kranken sprechen und sich vergewissern, ob sie auch genügend vorbereitet sind. Sie sollen auch darauf achten, ob die Kranken einen trockenen Mund und deshalb Wasser notwendig haben. Auch sollen die Brüder mit den Kranken beten und ihnen kurze Gebete vorsprechen.

Gegen Ende des Jahres 1609 bezieht Kamillus ein kleines Zimmer im Heilig-Geist-Spital, um sich den Weg vom Kloster ins Krankenhaus zu ersparen. Er schläft nur vier bis fünf Stunden. Die restliche Zeit des Tages ist er bei den Kranken. Aufmerksam geht er von Bett zu Bett, beobachtet, was der einzelne braucht, und leistet konkrete Hilfe. Den Schwerkranken und Sterbenden spendet er die Sakramente und betet mit ihnen. Mit Eifer und Interesse besorgt er manchem besondere Nahrung. In diesem Punkt ist er sicher ein Vorbote unserer heutigen Diätpraxis. Ganz besonders achtet Kamillus auch darauf, daß die Kranken ihre Medikamente rechtzeitig und in vollem Umfang einnehmen. Immer wieder findet er eine Arbeit, und wenn es nur das Aufrütteln der Kopfkissen ist. Er klagt über die Uhr der Engelsburg, daß die Zeit zu schnell vergeht. Und immer wieder heitert er die Patienten auf. Und dies trotz der qualvollen Schmerzen, die ihm Zeit seines Lebens vor allem die offene Wunde am Fuß bereitet.

Der verwundete Heiler

In Rom gilt er als der hinkende Pater, weil er tatsächlich kaum noch auftreten kann. Mit der Härte eines Soldaten versucht er den Schmerz zu ignorieren. Manchmal kann er nur schwankend ins Spital gehen und schleppt sich buchstäblich von Bett zu Bett. Einmal bricht er bewußtlos zwischen zwei Betten zusammen. Die Patienten ermuntern ihn: "Ruhen Sie sich doch aus, Sie können ja kaum noch gehen!" Er aber erwidert: "Ich bin Euer Diener, und ich muß zu Eurem Dienst soviel tun, wie ich kann."

46 Jahre lang leidet Kamillus an der unheilbaren Fußwunde. Obwohl sie so schrecklich ist, bezeichnet er sie als "Barmherzigkeit Gottes". Immer wieder betont er, Gott habe diese Wunde nur als Mittel benutzt, um ihn ins Krankenhaus zu rufen und ihn festzuhalten bei seinen Kranken. Der Geschichtsschreiber sagt dazu: "Gesegnete Wunde, durch die Kamillus aus eigener Erfahrung die Spitäler kennenlernte und der unser Orden seinen Ursprung verdankt."

38 Jahre leidet Kamillus an einem Leistenbruch. Ihn hat er sich zugezogen infolge übermenschlicher Anstrengung bei den Kranken. Er muß ständig ein breites Bruchband tragen. 25 Jahre leidet er an starken Schwielen unter dem kranken Fuß. Jeder Schritt erinnert ihn daran, "daß diese Erde nicht unsere wahre Heimat ist und daß er sich deshalb beeilen muß, durch gute Werke und rastlose Anstrengungen die ewige Seligkeit zu verdienen". Zehn Jahre leidet er an starken Nierenschmerzen, die von Zeit zu Zeit in Koliken ausarten. Für Kamillus ist das ein "Erbarmen Gottes", weil er daraus "die unerschütterliche Überzeugung gewinnt, daß man Gott dienen muß ohne Rücksicht auf das persönliche Wohlbefinden".

 
Das Sterbezimmer des Kamillus in der "Maddalena" in Rom

Das Sterbezimmer des Kamillus in der "Maddalena" in Rom
 

Gegen Ende seines Lebens leidet Kamillus 30 Monate an unerklärlicher Appetitlosigkeit. Sie verekelt ihm jede Speise und verursacht eine dreifache Qual: wenn er nur an das Essen denkt, beim Essen selber und wenn er es wieder erbrechen muß. Vermutlich ist Kamillus an Magenkrebs gestorben. Trotz der vielen Leiden und Schmerzen gibt sich Kamillus, als wäre er vollkommen gesund und kräftig, nur um den Kranken weiter dienen zu können. Bei seinem letzten Besuch im Heilig-Geist-Spital sagt er zu den Kranken: "Meine lieben Brüder, Gott weiß es, wie gerne ich immer bei euch bleiben möchte. Da es mir aber leider nicht mehr möglich ist, werde ich wenigstens mit meinem Herzen stets in eurer Mitte sein."

Sorge um die Schwerkranken und Sterbenden

Den Schwerkranken mit besonderer Liebe zu begegnen, war von Anfang an eines der wichtigsten Ziele des Kamillus. Die religiöse Betreuung liegt seinen Mitbrüdern dabei besonders am Herzen. Viele Außenstehende beobachten das mit Bewunderung. In Rom spricht sich das bald herum, und die Kamillianer bekommen den Ehrentitel "Väter vom guten Tod". Immer mehr Anfragen kommen an Kamillus, ob er mit seinen Leuten nicht auch die Sterbenden in den Privathäusern in ähnlicher Weise betreuen könne. Diese Bitten werden so oft wiederholt, daß Kamillus darin den Willen Gottes erkennt. Er bespricht sich mit seinen Mitarbeitern und trifft dann folgende Entscheidung: "Zu den übrigen zahlreichen Aufgaben der Genossenschaft sollen die Ordensleute auch den Sterbenden in der Stadt beistehen und auf jeden Ruf bei Tag und Nacht sich zu ihnen begeben."

 
Kamillus von Lellis - hier eine Darstellung aus Brasilien.

Kamillus von Lellis -
ein Vorbild der Nächstenliebe
für alle Zeiten und Kulturen.
Hier eine Darstellung aus Brasilien.
 

Kamillus übernimmt selbst den Bereitschaftsdienst. Er legt sich in Kleidern aufs Bett, um sofort verfügbar zu sein, wenn er gerufen wird. Er wünscht auch, daß seine Ordensleute ihren Schlaf für den Beistand der Kranken opfern: "Aus Liebe zu den Kranken darf es euch nicht leid tun um euren Schlaf. Das sind unsere Morgengebete. Wenn Gott würdig gelobt wird durch das morgendliche Chorgebet der anderen Ordensleute, so hoffen wir, daß zur selben nächtlichen Stunde Gott den Beistand der Sterbenden und die Stärkung der Kranken genauso gern als Lobgesang und Opfer annimmt wie das Gebet der anderen."

Auch auf seinen eigenen Tod bereitet er sich bewußt vor. Als ihn nach dem Empfang der Krankensalbung einige Besucher sprechen wollen, läßt er sich entschuldigen und sagt: "Man stirbt nur einmal, und man kehrt nicht zurück, um es zu wiederholen, wenn man es schlecht gemacht hat. Ich habe nur mehr kurze Zeit zur Verfügung, und ich brauche alle meine Kräfte, um als Sieger aus dieser schwierigen Lage hervorzugehen." Und als Kamillus zuletzt mitgeteilt wird, daß die Ärzte an seiner Heilung zweifeln, zitiert er das Psalmwort: "Wie freue ich mich, daß man mir sagt, wir gehen ein in das Haus des Herrn."

Am 14. Juli 1614 geht ein in seinen Höhen wie Tiefen faszinierendes Leben zu Ende: Kamillus stirbt in der "Maddalena", dem Mutterhaus des von ihm gegründeten Ordens der "Diener der Kranken". Seine Idee von der ganzheitlichen Fürsorge um die Kranken und Armen tragen seine Erben bis heute weiter.


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© Kamillianer 2006 - [Stand: 17.11.2008]css