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Ein Fürsprecher in seelischen Nöten und Ängsten

Seliger Heinrich Rebuschini (1860 bis 1938)

(Der Artikel von Christa Pfenningberger erschien zuerst in der Zeitschrift "Feuer und Licht")

P. Heinrich Rebuschini (1860-1938)

Der Kamillianerpater Heinrich Rebuschini kannte in seinem Leben wiederholt schwere Phasen der Depression und große seelische Nöte und Ängste und ist zugleich ein Zeuge der Hoffnung und ein Fürsprecher für alle, die wie er an seelischen Nöten leiden.

Der Kampf um die Berufung

Am 28. April 1860 kommt Enrico in einem Dorf am Comer See in Norditalien zur Welt. Sein Vater Domenico, von Beruf Steuerinspektor, entspricht in seiner Haltung dem vorherrschenden Zeitgeist: Er ist liberal, antikirchlich und entschieden antiklerikal. Die Mutter hingegen, Sophia, ist eine tiefgläubige, fromme Frau, und da ihr Domenico die Erziehung der fünf Kinder überlässt, kann sie den Glauben ungehindert weitergeben.

Der kleine Enrico, der zweite von fünf Geschwistern, wird als sehr freundlich, aber auffallend schüchtern beschrieben. Er ist ein in allen Fächern hervorragender Schüler, bei Mitschülern und Lehrern beliebt. Doch seine Jugend ist nicht unbeschwert: Er ist oft leidend, kennt Krisen tiefer Traurigkeit, Vorboten seiner späteren Depressionen, und neigt dazu, sich abzusondern. Nach Abschluss des Gymnasiums steht die Frage der Berufswahl an. Enrico fühlt sich zum Priester berufen, aber das kommt für Vater Rebuschini überhaupt nicht in Frage. Jedes Mal, wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, heißt es autoritär: „Nein und damit basta!“

So schreibt Enrico sich ohne Neigung als Student für Mathematik an der Universität Padua ein. Allerdings hält er es dort nicht lang aus, denn an der Fakultät herrscht eine derartige Kirchenfeindlichkeit, dass für Enrico kein Bleiben ist. Er kehrt zu seiner Familie zurück, die sich über seinen Studienabbruch wenig begeistert zeigt. Ein Misserfolg, an dem er, der wenig Selbstvertrauen hat und sich nur allzu schnell als Versager sieht, sehr leidet.

So absolviert er vorerst im Rahmen eines freiwilligen Jahres seinen Militärdienst. Er, der sich in seiner Freizeit gerne zurückzieht, viel liest und betet, erweckt bei den Kameraden keineswegs den Eindruck eines „religiösen Sonderlings“. Auch seine Vorgesetzten schätzten ihn überaus und ermuntern ihn, doch eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Doch das ist nicht sein Weg. Da er aber mit seinem Leben irgendetwas anfangen muss, absolviert er eine Handelsschule, die er 1882 mit Auszeichnung abschließt.

Daraufhin beginnt er in der Verwaltung der Seidenfabrik seines Schwagers zu arbeiten, zu dessen großer Freude, denn Enrico ist umgänglich und zuverlässig und „ohne Launen“. Allerdings: Er ist immer traurig; er spricht nicht darüber, sucht es zu verbergen, doch sein Blick verrät es. Dabei fühlt er sich bei Schwester und Schwager sehr wohl und versucht drei Jahre lang verzweifelt an der Arbeit Freude zu finden - umsonst. Mittlerweile macht sich auch Vater Rebuschini große Sorgen um seinen Sohn, der abmagert und zusehends verfällt. Es ist offensichtlich, dass Enrico nicht für Industrie und Handel geboren ist. So besorgt ihm Domenico eine andere Stelle in der Verwaltung eines Krankenhauses. Nach nur wenigen Wochen bittet ihn die Krankenhausleitung, seinen Sohn wieder abzuholen. Was war geschehen? Enrico, statt sich um Zahlen und Verwaltung zu kümmern, verbringt die meiste Zeit bei den Kranken, auch bei den isolierten, hört ihnen zu und tröstet sie. Den Bedürftigen unter ihnen schenkt er alles, was er besitzt, sogar seine Wäsche. In diesen Wochen wird der Grundstein für seine Berufung zum Kamillianer gelegt. Domenico ist nun ernsthaft böse, will aber von der Berufung seines Sohnes immer noch nichts wissen. Nun spürt Sophia, die die Priesterberufung ihres Sohn vorbehaltlos unterstützt, dass es Zeit ist einzugreifen: Sie lässt in allen ihr bekannten Klöstern für ihren Sohn und seine Berufung beten - und Domenico gibt sich schließlich geschlagen: „Dieser arme Sohn ist von der schwarzen Herde (dem Klerus, Anm. der Verfasserin) völlig in Beschlag genommen. Man muss wohl oder übel ein heiteres Gesicht machen, wenn man den bitteren Tropfen zu schlucken hat.“

In einem Brief des bischöflichen Sekretärs, der Enrico die Tore des päpstlichen Seminars in Rom öffnet, heißt es: „Es ist ein ausgezeichneter Jugendlicher, der den Charakterfehler großer Schüchternheit hat; seine Sprechweise ist holprig. Abgesehen davon ist er geschaffen, ein guter Priester zu werden.“ So beginnt Enrico mit Eifer das Theologiestudium. 1885 besuchen ihn die Eltern und eine Tante in Rom. Letztere notiert in ihr Tagebuch: „Enrico ist zufrieden und glücklich. Ich verstehe ihn: Er ist sicher, auf dem von Gott vorgezeichneten Weg zu sein.“

Die Depression

Plötzlich ein schwerer Schlag: Vom März 1886 bis zum Mai 1887 wird Enrico von einer schweren, nervösen Depression erfasst. „Geistige Krankheit“ trägt der Rektor ins Studienregister ein. Enricos Charakter vereint Demut, aber auch eine Neigung zum Egozentrismus, den er, den Blick auf Gott gerichtet immer neu zu überwinden sucht. Gleichzeitig hält der junge Student in seiner von großer Strenge gekennzeichneten Lebensführung kein gesundes Maß. Auch seine Neigung zu Skrupeln trägt zur Auslösung der Krise, deren Wurzeln sicher weitaus tiefer liegen, bei. Ein Brief, den er an den Rektor des Seminars schreibt, ist aussagekräftig: Er zeigt eine verzerrte Handschrift und verrät einen totalen Erschöpfungszustand, der bis zur psychischen Spaltung geht.

Der sehr besorgte Domenico holt seinen Sohn nach Hause, um ihm einen Klinikaufenthalt zu ermöglichen. Über den Aufenthalt und die Behandlung ist nichts bekannt; mit Sicherheit aber mangelt es nicht am liebevollen Beistand der ganzen Familie und befreundeter Priester. „Das sind die Momente, in denen die Hand Gottes schwer auf uns lastet und uns in Schmerz taucht. Möge Gott dem ein Ende setzen und uns Enrico bald wiedergeben“, so seine Tante in einem Brief. Dennoch braucht es Monate, bis Enrico wieder aus dem finsteren Tunnel heraustreten kann. Seine Tagebucheintragungen nach diesem Aufenthalt zeugen vom wiedergefundenen Gleichgewicht, von der Heilung.

Er schreibt Jahre später: „Ich wurde zur Kur geschickt. Dort stellte Gott meine Gesundheit wieder her, indem er mir vollkommenes Vertrauen auf seine unendliche Güte und Barmherzigkeit schenkte.“ Die Erfahrung dieser schweren Krise prägt den jungen Mann zutiefst: Er war in den Abgrund des Leidens und in den Abgrund der Barmherzigkeit Gottes getaucht. In dieser Zeit fällt ein Weiheakt an die Muttergottes: Er legt sein Leben ohne Kompromisse ganz in die Hände Mariens.

Kamillianer

Während eines Gebetes in einer Kirche vor einem Bild des heiligen Kamillus reift sein Entschluss, sich als Kamillianer ganz in den Dienst der Armen und Kranken zu stellen.

Die „Kamillianer“ sind eine vom heiligen Kamillus von Lellis im 16. Jahrhundert gegründete Ordensgemeinschaft. Kamillus, der nach dem frühen Verlust der Mutter verwahrlost aufwuchs, war zunächst Berufssoldat, führte ein lasterhaftes Leben, war der Spielsucht ergeben und landete schließlich völlig verarmt und krank in einem Hospital in Rom. Dort vollzog sich eine Umkehr: Zutiefst bewegt vom Elend der Kranken, die alleine vor sich dahinvegetierten, wurde er freiwillig Pfleger, sammelte Gleichgesinnte um sich und gründete den Orden Diener der Kranken, Kamillianer genannt. Kamillus blieb zeitlebens leidend und krank. Als Kranker kümmerte er sich um die Kranken, immer offen für ihre Nöte. Er starb 1614 in Rom. Die Kirche ernannte ihn zum Patron der Kranken und der Krankenhäuser. Heute gibt es ungefähr 1.100 Ordensmitglieder, die in Niederlassungen auf der ganzen Welt, auch in Österreich und Deutschland, den Kranken und Armen dienen.

Zurück zu Enrico, der im September 1887, er ist 27 Jahre alt, bei den Kamillianern in Verona eintritt. Ein Mitbruder erinnert sich: „Als ich seine gute Kleidung und seine vornehmen Manieren sah, dachte ich: zuviel Luxus, der wird sich nie der Regel anpassen können. Aber ich wurde eines Besseren belehrt, als ich seine Demut und Frömmigkeit kennen lernte.“ Die erste Zeit fällt ihm nicht leicht, vor allem der Umgang mit den wesentlich jüngeren Mitbrüdern, denn er hat Erfahrung im Berufsleben gesammelt und Schweres durchgemacht, außerdem ist er sehr empfindlich gegen Lärm und jegliche Unernsthaftigkeit. Vorschnelles Urteilen und Antipathie sind die zwei Neigungen, gegen die er am meisten anzukämpfen hat. „Ich lasse mich zu Regungen der Antipathie hinreißen gegen einen meiner Gefährten. Manchmal befragt er mich zu meinen Studien und anstatt ihm milde zu antworten antworte ich ganz gereizt: ‚Ich möchte, dass du mich nach nichts fragst.’ All das ist eine Frucht meines Hochmutes. Wie lebendig ist doch der Egoismus!“ Doch er lässt sich nicht entmutigen und macht sich an die mühevolle Arbeit der „Besänftigung meines Herzens“. „Meine Nächsten zu lieben, so wie ER sie liebt“, ist sein geistiges, anspruchsvolles Programm. Gleich vorweg: Seine Bemühungen zeigen Erfolg, denn in späteren Jahren ist ihm der liebende Blick auf den Nächsten und das Nicht-Urteilen zur zweiten Natur geworden.

Wie überall, so gewinnt Enrico auch im Orden die Wertschätzung seiner Oberen und wird im April 1889 ausnahmsweise, da er seine Studien schon gemacht hat, noch während seiner Noviziatszeit zum Priester geweiht. Seine ewigen Gelübde legt er zwei Jahre später ab. „Ich möchte, dass mein Leben sich im Dienst am Nächsten verzehrt (…), ihn in der Liebe Jesu geborgen sehen und mich in all meinem Tun für ihn einsetzen.“

Pater Enrico

Zwei Jahre später sucht ihn erneut eine schwere, lang anhaltende Phase von Depression heim. Er kämpft mit großen geistlichen Angstzuständen, hält sich für durch und durch verdorben, für einen Abgrund an Schlechtigkeit. Seine Ernennung zum Krankenhausseelsorger hilft ihm, sein Gleichgewicht und seine Gelassenheit wiederzufinden. Er vergisst sich selbst und wendet sich den Nöten der Kranken zu.

1895 wird er zum stellvertretenden Novizenmeister und zum Theologieprofessor ernannt. Für beide Aufgaben hält er sich aus mangelndem Selbstvertrauen für unfähig und bittet seine Oberen, von der Ernennung Abstand zu nehmen - umsonst. Es folgen Überbelastung und große Anspannung, eine neue psychische Krise zeichnet sich ab. „Ich verbringe meine Nächte in ständiger Verzweiflung“, so ein Eintrag in seinem Tagebuch. Nachdem ihn seine Vorgesetzten von den Ämtern befreien, findet er seine seelische Gesundheit wieder.

1890 wird Enrico Seelsorger an den Militär und Zivilkrankenhäusern von Verona. In dieser Aufgabe ist er ganz in seinem Element. Der Pfarrer von Verona beim Seligsprechungsprozess: „Ich stand mehr als einmal mit Pater Enrico am Bett eines Kranken. Es kam vor, dass Pfarrkinder, die zu Hause die Sakramente verweigerten, mit Freude beichteten und die Kommunion empfingen, sobald sie in der Klinik waren. Wenn ich sie fragte, wieso sie sich dazu entschieden hätten, meinten sie: wegen der Worte von Pater Enrico.“ Die Angestellten des Krankenhauses, die Soldaten und die Klosterschwestern, alle haben großen Respekt vor diesem stillen Priester, der so überzeugend seinen Dienst in Liebe ausübt.

Die Quelle seines Lebens sind das Gebet und eine große Verehrung der Muttergottes. „Das immerwährende Gebet ist das wesentliche Mitte, um mit meinem Herrn verbunden zu sein.“ Seine tiefe Frömmigkeit bleibt nicht verborgen und Enrico wird ein gesuchter Beichtvater. Viele Menschen kommen zu ihm, um sich Rat oder Trost zu holen; unter den Ratsuchenden ist selbst der Bischof von Verona. Sie alle empfängt Enrico in Offenheit und Liebe; seinem Herzen besonders teuer bleiben die Armen, die in ihm einen Beschützer und Helfer finden. Wo immer er kann, unterstützt er sie mit Geld und Lebensmitteln.

1899 wird er in das Ordenshaus nach Cremona versetzt, wo er bis zu seinem Tod bleiben wird. Zwölf Jahre ist er Superior und 35 Jahre Ökonom der Gemeinschaft und des Krankenhauses. Der Dienst als Ökonom ist keinesfalls seine Wunschaufgabe, aber er nimmt sie im Gehorsam an und übt sie jahrelang gewissenhaft aus.

Ein Mitbruder erinnert sich: „Ich bin mehr als einmal ohne anzuklopfen bei ihm eingetreten. Oft habe ich ihn dann auf Knien vor seinem Schreibtisch gesehen, das Kassenbuch offen.“ Ein Anwalt berichtet: „Pater Enrico suchte mich auf wegen einer rechtlichen Zivilangelegenheit. Es ging um eine Erbschaft zu Gunsten der Kamillianerklinik, die von den Erben angefochten wurde. Er war von außerordentlicher Einfachheit und einer ungewöhnlichen Losgelöstheit von seinen Interessen. Er wahrte zwar die Interessen des Hauses, war aber gütig und überhaupt nicht streitsüchtig.“

Jeden Nachmittag findet der Vielbeschäftigte Zeit, die Kranken zu besuchen, auch bei ihnen zuhause. Er hilft durch Zuhören, ein aufmunterndes, tröstendes Wort und, ihm besonders wichtig, durch seinen Segen. Oft sieht man ihn gelähmten Patienten das Essen reichen. Bei den Sterbenden hält er Nachtwache und betet viel für die, die weit weg vom Herrn sind.

1922 ereilt ihn wieder eine mehrere Monate andauernde, schwere Depression mit Angstzuständen und einem psychischen Zusammenbruch. Wieder muss Enrico durch eine „völlige Schwärze“ durchtauchen. Es ist die letzte schwere depressive Krise seines Lebens, die er durchläuft. (Unter den behandelnden Ärzten befindet sich auch der 1953 selig gesprochene Arzt Lodovico Necchi, ein Pionier in der Erforschung depressiver Störungen.)

1938 jedoch beginnen seine Kräfte abzunehmen. Er ist 78 Jahre alt. Seine letzten Tage sind von Gelassenheit und Hingabe gekennzeichnet. Er bittet alle um Vergebung, für seine Unvollkommenheiten, für alles, was Anstoß erregt haben könnte. Am 10. Mai 1938 stirbt Enrico. Am 4. Mai 1997 wird er in Rom von Johannes Paul II. selig gesprochen.

Worte des Seligen:

„Ich möchte, dass mein Leben sich im Dienst am Nächsten verzehrt. Ich möchte ihn in der Liebe Jesu geborgen sehen und mich in allem für ihn einsetzen.“

„Die Güte und die Barmherzigkeit Gottes sind unendlich. Auf Ihn vertraue ich.“


Christa Pfenningberger
(unter Verwendung eines Artikels von Domenico Casera über Enrico Rebuschini)

Zeitschrift "Feuer und Licht"

© Kamillianer 2009 - [Stand: 01.08.2009]     zurück     nach oben