Kamillianer

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Kamillus pflegt die Pestkranken, Gemälde von Andrea del Pozzo, Vatikanische Museen

Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten

Gemeinsame Botschaft an die Mitglieder der Kamillianischen charismatischen Familie zum Fest des heiligen Kamillus von Lellis – 14. Juli 2020

Ein Chronist des 16. Jahrhunderts erzählt: „Haltet an! Wo geht ihr hin?!“ In Mailand wütet die Pest! So versuchten einige Bauern in der Gegend von Pavia im Winter des Jahres 1594 eine Gruppe von Männern aufzuhalten, die in Richtung des Herzogtums Mailand ritten. Sofort nachdem P. Kamillus vom Ausbruch der Pest erfahren hatte, wählte er in Genua ein Dutzend seiner Gefährten aus, um mit ihnen in Eile Hilfe zu bringen. „Gerade deswegen reisen wir dorthin“, antwortete er, ohne das Tempo des Rittes zu vermindern.

In diesen Tagen, die gekennzeichnet sind von den schwerwiegenden Konsequenzen der Covid-Erkrankungen, sind wir aufgerufen, uns mit der Epidemie auseinanderzusetzen und uns in gewisser Weise auch mit unserem menschlichen Dasein zu versöhnen. Wenn wir uns auf unsere „humanitas“, d.h. auf unser Mensch-Sein beziehen, tun wir das meistens mit einem feierlichen und manchmal auch überheblichen Ton. Wir berufen uns auf die Tatsache, dass wir Menschen sind, um unseren Unterschied von den übrigen Lebewesen zu betonen, dabei sind wir von unserer Einzigkeit überzeugt und fühlen uns sicher. In Wirklichkeit verweist uns die Herkunft dieses Wortes auf den Humus, von dem wir herkommen und zu dem wir mit innerer Gefasstheit zurückkehren sollen, nachdem wir mit humilitas, der Demut, unseren humanen Weg abgeschlossen haben.

Unsere Zeiten des Stillstands akzeptieren

Die nervenaufreibende Schwierigkeit, mit der Corona-Pandemie konfrontiert zu werden, zeigte sich wie ein beunruhigender Schock. Wir dachten ja gar nicht daran, dass auch wir verwundbar und so fürchterlich schwach sind. Wir waren überzeugt, ein wichtiges und dauerhaftes Freisein von der Furcht und der Unsicherheit zu besitzen.

Das Fehlende verstärkt den Sinn für das Vorhandene: Die Pandemie verändert auf schmerzliche Weise unser Zusammenleben mit dem Tod und mit der Trauer. Unerwartet wurden wir in eine surreale und unsichere Situation katapultiert, in der der Tod jeden Raum, jeden Gedanken und jede Diskussion in Beschlag nimmt, vor allem auch deswegen, weil wir die Personen, die uns lieb sind und die sterben, nicht in gebührender Weise begleiten können mit der enormen Bedeutung, die in dieser Situation eine Geste der Liebe, der Nähe, ein geflüstertes Wort oder der Austausch von Blicken haben kann.

In einem einzigen Augenblick hat die Pandemie alles verwandelt. Vorher waren wir gewohnt, sehr viel Raum mit wenig Zeit zur Verfügung zu haben, jetzt haben wir uns plötzlich in der Situation befunden, wenig Raum mit viel Zeit zur Verwendung zu haben. In Wirklichkeit haben wir versucht, diese plötzliche Veränderung soweit als möglich zu verdrängen. Einige von uns, die seit jeher gewohnt waren, ihr tägliches Leben mit intensiver Tätigkeit und reichen persönlichen Beziehungen – auch innerhalb der Gemeinschaft – zu leben, befanden sich unvermittelt in der Erfahrung der Quarantäne, im eigenen Zimmer oder in anderen Räumen. Wir haben damit begonnen zu begreifen, auch in unseren Ordensgemeinschaften, in unseren Familien oder an unseren Wirkungsstätten, dass man in einem Zimmer, auch wenn es klein ist, sich isoliert oder allein fühlen kann, je nachdem ob man der Einsamkeit, in der man lebt, einen menschlichen oder spirituellen Sinn geben kann, der es unserem Herzen erlaubt, offen zu bleiben und die Hoffnung nicht zu verlieren. Wir sind dabei zu lernen, dass Einsamkeit und Isolierung nicht dasselbe sind. Man kann sich einsam fühlen auch in der großen Menge von Menschen!

Wir haben uns daran gewöhnt „Abstand zu halten“, aber die Solidarität, die Brüderlichkeit und die Geschwisterlichkeit, die Gemeinschaft zwischen uns – zwischen den Gemeinschaften des religiösen Lebens, zwischen den Ordensinstituten, auf kirchlicher oder ziviler Ebene – ist intensiver, freudiger, spontaner und wahrhaftiger geworden. Gesichtsmasken, Handschuhe, Temperatur- und Sauerstoffmessgeräte haben aufgehört, einfache, wenn auch notwendige Hilfsmittel des persönlichen Schutzes zu sein. Sie verwandelten sich in unseren Alltagsvorstellungen in Objekte des Schenkens und des Austausches zwischen den Gemeinschaften und den Ordensprovinzen, Symbole der gegenseitigen Fürsorge und der Unterstützung im täglichen Kampf für die Sorge um die gebrechlichsten Personen!

Die Wahrnehmung der Gebrechlichkeit

Auch hinter unseren Gesichtsmasken, mit Händen, die von Desinfektionsflüssigkeiten trieften oder in Latexhandschuhen eingeschlossen waren, haben wir nicht so sehr versucht, uns vor dem anderen zu schützen, sondern den Anderen mit Worten voller Empathie zu begrüßen, um die Unsicherheiten zu lindern, die Tränen der Angst, der Trauer, der Hoffnung zu trocknen; das Lächeln und die Blicke zu interpretieren, die unsere Teilnahme suchten; die tiefe Sehnsucht wahrzunehmen, jemanden zu umarmen, um zu sagen „Ich bin für dich da“, auch wenn eine Berührung, eine Liebkosung, ein Gruß kein Gesicht oder eine Schulter berührte, sondern im Moment nur mit dem Desktop eines Computers oder dem Tablet im physischen Kontakt sein konnte.

Wir sind jetzt dabei, der Zeit eine neue Form zu geben: Wir haben die Herausforderung bewältigt, von einem Erdrutsch der Gefühle und Empfindungen zu einer ruhigen Verkostung jedes Bruchteils des Lebens überzugehen: Wir verweilten länger und entspannt in der Kapelle, um einzeln oder als Gemeinschaft zu beten; wir haben uns intensiver mit einer bestimmten Stelle eines guten Buches befasst; wir haben mehr Zeit über Skype oder Zoom am Telefon verbracht, mit dem Wunsch zu erfahren, zu trösten; mit der Person, mit der wir sprachen in Verbindung zu treten, um gleichsam ihr Verbündeter zu werden, in einer Angelegenheit der gemeinsamen enormen Verwundbarkeit, obwohl wir manchmal festgestellt haben, dass wir sprachlos waren, um „Freuden und Hoffnungen, Trauer und Angst“ zu erzählen und weiterzugeben.

Diese radikale Verwundbarkeit, die uns das Virus Covid-19 direkt und ohne Vermittlung beigebracht hatte, ließ in uns den Wunsch aufkommen, das große Mysterium, zu dem wir gehören, besser zu verstehen, ohne uns dabei im Mittelpunkt zu fühlen: Wir haben Überlegungen angestellt, die wir weiterhin fortführen müssen, über die Unsicherheit von Gesundheit und Leben, über den vorläufigen Charakter der erworbenen Gewissheiten und Besitztümer, über die Realität oder die Möglichkeit unserer eigenen Sterblichkeit und der unserer Lieben und der von anderen Menschen. Über uns selbst nachzudenken ist eine heilsame Angelegenheit! Das Virus hat uns ein Bad im existenziellen Realismus beschert und erinnert uns daran, dass sich die Tendenz zur Benachteiligung schnell umkehren kann - plötzlich können auch wir benachteiligt werden.

Das spezielle kamillianische Zeugnis

Die Pandemie, die uns zur Kenntnis brachte, dass wir allzu leicht unsere Gebrechlichkeit und sogar das Leiden und den Tod verdrängen, hat uns als Jünger des Herrn, die an die Auferstehung Jesu glauben, angeregt, diesen Glauben mit unseren kranken Brüdern und Schwestern zu teilen. Es ist ein oftmaliges Sterben, das zum Abenteuer unseres Lebens gehört und das wir mit ihnen teilen müssen.

In einer Situation, die uns bewusst macht, dass wir alle potenziell krank sind, wird für uns, die wir beseelt und begeistert sind vom Charisma des heiligen Kamillus, die Verkündigung der christlichen Hoffnung noch dringlicher und vielleicht auch besser verstehbar für unsere Mitmenschen.

Wir waren durch die Tatsache benachteiligt, dass wir in einigen Situationen der Krankenpflege wegen der Vorsichtsmaßnahmen nicht in der Lage waren, die Kranken im physischen Sinne zu erreichen. Aber wir haben mit Erstaunen festgestellt, dass Andere, geweihte Männer und geweihte Frauen, Freiwillige, Laien im Gesundheitswesen … für diese kranken Menschen kreativ geworden sind und eine Rolle übernommen haben und als „Familienangehörige“ mit den entsprechenden Gefühlen, als „Freunde“ mit ihrer Solidarität, als „Priester“ mit ihren Tröstungen des Glaubens, als „Kameraden“ in der Furcht und in der Hoffnung gewirkt haben. Sie vernachlässigten wochenlang ihre Angehörigen, Freunde, Familien und Gemeinschaften bis zur Erschöpfung ihrer physischen Kräfte und in einigen Fällen auch bis zur Tatsache, dass sie angesteckt wurden und starben.


Wir haben die Aktualität des vierten kamillianischen Gelübdes erkannt – die Weihe an den Dienst an den Kranken, sei es in den Krankenhäusern, als auch an jedem anderen Ort, auch wenn dies das Risiko des eigenen Lebens beinhaltet - heldenhaft gelebt von sehr vielen Ordensleuten, aber auch von so vielen Laien in der Welt des Gesundheitswesens, das sie in die Pflichtenlehre ihrer Gesundheitsberufe aufgenommen und neu interpretiert haben.

In diesem Moment der Gebrechlichkeit sind wir als kamillianische Männer und Frauen aufgerufen, diskret und leidenschaftlich Zeugnis von der „Hoffnung“ (1Pt 3,15) abzulegen, die in uns wohnt und durch uns wirksam ist. Die Verkündigung des Evangeliums des Lebens, des Mitleids und der Fürsorge beinhaltet die Fähigkeit, Leiden und Tod zu evangelisieren - und zu humanisieren.

Wir haben die Belastungen und die Angst geteilt, die angesichts einer Pandemie empfunden werden, die die Illusion bezüglich unserer ständigen Gefahrlosigkeit in Frage gestellt hat, ebenso unsere Art und Weise unseren Glauben und unsere Weihe zu leben. Das Evangelium zeigt uns, dass der zentrale Kernpunkt der Offenbarung Jesu, der uns das Angesicht des barmherzigen Vaters, der alles geschaffen hat gezeigt hat, das Mitleid ist.

Mit Gnade und Widerstandsfähigkeit

Was wir in dieser Zeit gelebt haben, ist eine Gelegenheit, unsere menschliche Reife zu überprüfen, eine Einladung, unsere persönlichen Grenzen zu akzeptieren, um die Einschränkungen von uns allen zu respektieren und sie gemeinsam zu ertragen. Dies war genau die Erfahrung des Kamillus von Lellis, als er seine ersten Gefährten in die Kampfplätze der Krankenhäuser, der Elendswohnungen oder der großen Epidemien entsandte. In Werken und Worten war er ein Lehrer der Widerstandsfähigkeit anstelle des Furchthabens, der Angst und des Erleidens. Er war sich bewusst, dass dieses Verhalten Präsenz erzeugt, Risikobereitschaft erweckt und authentische Nähe schafft.

Das vierte Gelübde, das unsere Mission auf schlagartige Weise offenbart, wird zu einer begeisterten Berufung, sich selbst zum Nachbarn zu machen, sogar wenn dies das Risiko des eigenen Lebens beinhaltet: eine Berufung, die auch mit der gegenwärtigen sozialen Distanzierung die innere Nähe zu den Kranken und zu denen, die in Gefahr sind, nicht aufhebt, sondern sich ihnen annähert mit aller Kreativität, die aus der mütterlichen Liebe hervorgehen kann.

Die Pandemie, die wir erleiden, ist keine göttliche Geißel, sondern ein Zeichen, das mit Demut gelesen und mit Geduld und Mitgefühl ertragen werden muss. Der gesundheitliche Notstand mit all seinen Befürchtungen und Unsicherheiten wird auch mit wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Instabilität begleitet sein. Außerdem ist er und wird er ein Grund sein zu überprüfen, welche Aufgaben wir in dieser geschichtlichen Epoche als geweihte Menschen haben.

Das Leiden macht uns nie gleich: Es macht uns besser oder schlechter. Der Tod einiger, das Leiden vieler und die Angst von allen sind ein Zeichen, das uns zu einem demütigen und ruhigen Bewusstsein aufruft: Wir sind alle Menschen! „Der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur; aber er ist ein Schilfrohr, das denkt“ (B. Pascal) und das liebt. Es ist genau das zunehmend radikale Verständnis unserer Menschlichkeit, der biologischen Unsicherheit und des fragmentarischen Charakters unserer Emotionen und Beziehungen, die uns am besten dazu befähigt, das gleiche Bedürfnis bei einer anderen Person zu erkennen und bei dieser Person auch all ihre potenzielle Widerstandsfähigkeit zu identifizieren, damit sie sich erholen kann.

Das war die radikale Neuerung, die der heilige Kamillus einführte: die Gesellschaft der Renaissance, die humanistische Kultur, verherrlichte „den Menschen“ als überragendes Wesen und als Mittelpunkt des Universums. Aber welcher Mensch war damit gemeint? Man meinte den idealen und außergewöhnlichen Menschen, den kreativen Künstler, den Entdecker neuer Welten. In dieser Kultur wurde ein armer Mensch ohne Prestige und ohne Macht und darüber hinaus einer, der krank oder arm war, nicht im Geringsten berücksichtigt. Kamillus entdeckte diesen Menschen, ja er suchte ihn und fand, dass er ein Mensch mit der gleichen Würde wie alle anderen Menschen war. Nach seiner Bekehrung wird er Gott speziell in diesem Menschen dienen. Er sah den Menschen in seiner Ganzheit und nahm damit die Kenntnisse der modernen Zeit vorweg - man denke an die holistische Medizin. Für ihn brachte ein Kranker, wenn er in ein Spital kam, seine ganze Person mit: sowohl seine verlumpten Sachen, als auch seinen freien und unsterblichen Geist! Und diesbezüglich ist unser Gebet - im weitesten und vielfältigsten Sinne - ein sicherer Anker: Indem wir uns an Gott wenden als Geschöpfe unter Geschöpfen, entdecken wir unsere wirkliche Größe wieder. So können wir nach und nach die Fähigkeit erlangen, sogar den Tod anzunehmen, ohne aufzuhören, das Leben zu lieben und auf leidenschaftliche Weise zu kämpfen, damit alle ein Leben in Fülle haben.

All das ist sicherlich nicht leicht, aber es ist für uns möglich, weil wir „nach dem Bild und Gleichnis Gottes“ (Gen 1,26) geschaffen sind. Unsere Grenzen als Kreaturen sollten daher begrüßt, geehrt und geliebt werden.

Nur in diesem Zusammenhang können wir sagen: Alles wird gut ausgehen. Durch das Zeugnis unseres Lebens und unserer guten Werke werden wir tiefer verstehen, dass „alle Dinge zum Guten für diejenigen wirken, die Gott lieben“ (Röm 8, 28).

Halten wir uns alle an der Hand … wenn auch nur in der Entfernung von mindestens einem Meter und nur für einen Augenblick!

Rom, am 14. Juli 2020

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